Blaues Blut

Wenn es jemand verstand, geschichtliche Ereignisse übertrieben darzustellen und etwas dazuzudichten, dann zweifellos mein Vater sowie seine Mutter.

Als mir mein Vater vor Jahrzehnten erzählte, durch unsere Adern fliesse königliches Blut, also blaues Blut, da war ich vorerst baff. Dann klärte er mich auf. Meine Urgrossmutter Ana sei nämlich eine gebürtige Ungarin und die Nichte des damaligen Königs Jànos (sprich Janosch), dem Zufolge war sie edlen Geblüts, und wir als Nachfahren natürlich auch. Dies erzeugte ein kleines Hochgefühl in mir. Und dennoch fragte ich mich insgeheim, wieso wir dann so arm waren, als wir in Serbien gelebt hatten, und wieso wir dann in die Schweiz auswandern mussten.

Nach etlichen Jahren ging mir diese Geschichte mit dem königlichen Blut einfach nicht aus dem Kopf. Wäre meine Familie tatsächlich königlich, so müsste sich das irgendwie nachweisen lassen. Also recherchierte ich - wie es nicht anders zu erwarten war - via Google. Wikipedia und andere Webseiten sollten mir hoffentlich etwas Geschichte über Ungarn aufzeigen. Entsprechend enttäuscht war ich, keinen König namens Janosch zu finden. Der letzte König Ungarns namens Jànos regierte 1540 - 1570. Diese Jahreszahlen lagen viel zu weit zurück. Ich liess das Thema ruhen und widmete mich der Arbeit und Familienplanung.

Doch auch Jahre später verfolgte mich diese Geschichte immer noch. War da wirklich etwas Wahres dran, oder doch nicht? Ich beschloss, den einzigen rational denkenden Menschen meiner Familie zu befragen, der bestimmt etwas davon wissen könnte: nämlich meine Tante. Im Gegensatz zu ihrem Bruder, also meinem Vater, neigte sie nicht zu Phantastik.

Als ich sie mit dem "royalen Status" konfrontierte, war sie sprachlos. Sie hätte also noch nie so etwas gehört. Wie denn mein Vater darauf käme? Sie müsse etwas recherchieren (im Austausch mit noch nicht verstorbenen Verwandten).

Dass meine Urgrossmutter Ungarin war, war kein Geheimnis. Alle wussten es und es war irgendwie speziell, nicht zu 100% serbisch zu sein. Die Recherche meiner Tante ergab dann noch Folgendes: Meine Urgrossmutter lebte in Pécs, zusammen mit ihrer Familie. Ihr Vater arbeitete dort auf einem grossen Stück Land als Forster. Wäre Ana die Nichte des damaligen Königs, müsste die Familie nicht so hart schuften, sie hätten einen gewissen Status genossen. Auch der Umstand, dass sie einen serbischen Soldaten in sein Land begleiten durfte, um ihn dort zu heiraten, wäre für eine Frau mit blauem Blut ein Ding der Unmöglichkeit.

Nach dieser Erkenntnis und meiner erfolgloser Recherche über Google musste ich ernüchtert feststellen, dass ich vielleicht noch einige weitere Geschichten von meinem Vater und von meiner Grossmutter hinterfragen müsste. Denn wer weiss, wieviele Bären sie mir wohl noch - ob bewusst oder unbewusst - aufgebunden haben.

© Yeahlena