Das Haus mit der Vergangenheit

Das Haus, welches 1884 erstmals für die humanitäre Organisation namens „prvo kolo srpskih sestara“ (Erster Kreis Serbischer Schwestern) erbaut wurde, war arg in die Jahre gekommen. Die Wände waren, dem Erbauungsjahr entsprechend, kaum isoliert, die Fenster so dünn, dass jedes auf der Strasse gesprochene Wort ins Innere drang. Das undichte Dach liess das Regenwasser von der Decke tropfen. Deshalb musste es in bestimmten Intervallen immer wieder repariert werden. Der Verputz löste sich von den Wänden und Renovationen waren ein wiederkehrendes Thema. Die Winter waren kalt und das Haus musste mit Holz geheizt werden, nur damit die warme Luft wieder durch die undichten Stellen im Haus entweichen konnte. Es war so undicht, sodass die Schutz suchenden Mäuse zur echten Plage wurden.

Vor dem ersten Weltkrieg gehörte dieses Haus einer wohlhabenden, reichen Frau namens Stana Milanović sowie ihrer Schwester, an deren Namen sich später niemand mehr erinnern konnte. Stana war in meiner Vorstellung mittelgross, mit langen, dunkelbraunen Haaren, die gewissenhaft zu einem Bürzi hochgesteckt wurden. Hinter ihren haselnussbraunen Augen verbarg sich Intelligenz und ein scharfer Verstand. Womöglich arbeitete sie im Dienste der Stadt, war vielleicht Erzieherin, oder Krankenpflegerin. Sie hatte die Gabe, ihr Vermögen gut zu verwalten.

Nach dem ersten Weltkrieg schenkte Stana dieses Gebäude dem Staat zur freien Verfügung. Es diente vorerst als Schule, da diese dringend benötigt wurde. Sobald es als Schulhaus ausgedient hatte, wurde es in Reiheneinfamilienhäuser unterteilt, die jeweils nur eine dünne Wand voneinander trennte. Die eingezogenen Bewohner bezahlten dem Staat Miete, solange sie dort wohnten.

Stana und ihre Schwester gehörten dazumal zwei Innenhöfe inklusive angrenzende Häuser, die sie verwalteten. Die beiden Frauen hatten drei Brüder mit den Namen Milutin, Dragutin und Lilo. Lilo war ein Spitzname und sein richtiger Namen geriet später in Vergessenheit.

Da sie keine Kinder kriegen konnte, adoptierte Stana einen Jungen, der einmal ihr Erbe antreten sollte. Die Brüder, vor allem aber Lilo, waren sehr erbost darüber. Sie waren der Ansicht, dass eine Blutsverwandtschaft vorausgesetzt sein müsste, um erben zu können. Nur die Geschwister sollten die rechtmässigen Erben sein, keine Adoptivkinder.

Im Gegensatz zu Stana konnten ihre Brüder nicht mit Geld umgehen und mussten ihr eigen Hab und Gut wegen hohen Schulden verkaufen. Es lag daher auf der Hand, dass Milutin, Dragutin und Lilo eifersüchtig auf den Stiefneffen wurden. Umso schlimmer war es, als sie zu dritt den Plan fassten, heimlich den armen Jungen zu töten, dessen Tod die wildesten Geistergeschichten rund ums Haus, in dem ich als Kind aufwuchs, heraufbeschwörte.

© Yeahlena