Der Meuchelmord

Die Brüder Milutin, Dragutin und Lilo hatten an einem kühlen Herbsttag ihren Stiefneffen beim Betreten des Innenhofs erwartet, um sich seiner zu entledigen. Draussen war es bereits dunkel und Stana, die Stiefmutter des 18-jährigen Jungen noch nicht zu Hause. Milutin und Dragutin warteten einen günstigen Zeitpunkt ab, um den Jungen in einen Hinterhalt zu locken. Lilo hielt sich versteckt.

Sobald der Junge in seiner unmittelbaren Nähe stand, trat Lilo aus dem Schtten des Tors und stach in blinder Wut 5mal, 6mal, 7mal in den Rücken des Jungen, bis das Leben aus dem Körper wich und dieser zu Boden sackte. Er verstarb auf der Stelle. Stana durfte keinesfalls Verdacht schöpfen oder sogar von diesem Meuchelmord erfahren. Kurzerhand packten Milutin und Dragutin die Leiche an Händen und Füssen und schleppten den leblosen Körper zu den Holzschuppen am anderen Ende des Innenhofs. Lilo öffnete den Wasserbrunnen, die Leiche wurde hinab geworfen, der Brunnen wurde wieder zu gemacht. Die Blutlache vor dem Haus wurde mit Wasser weggespült, um verräterische Spuren zu verwischen. Die Brüder schworen einander, absolute Verschwiegenheit zu wahren. Das hatte vor allem auch Gültigkeit gegenüber ihrer Schwester, die daraus einen Erbvorteil ableiten könnte. Der adoptierte Junge blieb spurlos verschwunden. Niemand hatte die verwesende Leiche im Brunnen bemerkt, noch die Verwesungsgerüche wahrgenommen. Der anbrechende Winter kam wie gelegen.

Kurz vor seinem Tod wollte Lolo sein Gewissen von der Last erlösen und beschloss, reinen Tisch zu machen und seine grässliche Tat zu gestehen. Anwesende Zeugen waren ein Priester, der die Beichte abnehmen sollte, ein Polizist namens Zivojin Kojic, der mein Urgrossvater war, sowie ein ehemaliger, inzwischen verstorbener Nachbar namens Arhip, den ich ebenfalls persönlich kannte.

Es kam heraus, dass Lilo noch weitere Menschen beseitigt hatte, die ihm im Weg standen. Aus verständlichen Gründen wollte nach dem Bekanntwerden des Mordes am Adoptivjungen niemand mehr den Brunnen im Innenhof, der sich bei den Holzschuppen befand, benutzen. Deshalb wurde er gänzlich verschlossen. Es wurde ein neuer Brunnen näher bei den Häusern gebaut. Nachdem aber die Häuser des Innenhofs an die städtische Wasserleitung angeschlossen wurden, wurde dieser neue Brunnen wieder abgebaut.

Zika Begovic, ein Bewohner eines der Häuser, die zu diesem Innenhof gehörten, galt als Dieb und pathologischer Lügner. Er erzählte in der ganzen Nachbarschaft, wie er eines Nachts den Geist des getöteten Jungen gesehen hatte. Der Geist sässe auf einem Stein, der sich neben dem alten, verschlossenen Brunnen befand. Er sei zu Tode erschrocken, als er diese Erscheinung erblickt hatte. Als er sich vor Schreck ins Haus flüchtete, fiel er hin und verletzte sich. Alle sahen tags darauf seine blauen Prellungen und es sprach sich herum, dass er Alkoholiker war. Man stellte sich keine Fragen zu den Umständen. Es blieb aber unheimlich.

© Yeahlena