Hey, warum rennt ihr jetzt weg?

Als wir im Begriff waren, davon zu rennen, stellte er uns diese Frage: "Hey, warum rennt ihr jetzt alle weg?" Angesichts der Situation, die er selber provoziert hatte, war das eine ziemlich dumme Frage. Spinnt er? Stand er unter Drogen, war er betrunken, oder einfach ein Psychopath? Die Wahrheit liegt vermutlich irgendwo dazwischen.

Ich hole mal aus, mit der ganzen Geschichte...

Wir waren fünf Schulfreunde, gerademal im zarten Alter um 14 oder 15 Jahren. Nach einem Kinonachmittag in der Stadt machten wir uns auf den Weg nach Hause. Wir nahmen die Bahnhofsunterführung, es war der kürzeste Weg.

In der Unterführung brannte spärliches Licht. Es wurde gemunkelt, dass mal vor Jahren ein Satz auf den Boden beim Eingang in die Unterführung gesprayt worden war: "Hier wurde eine Frau vergewaltigt." Seitdem betrat ich die Unterführung immer nur mit grossem Unbehagen.

Von weitem erblickte ich einen komisch aussehenden Typen. Er hatte völlig verstrubbeltes Haar, schulterlang und hellbraun, extrem ungepflegt. Vor sich trug er eng umschlungen eine braune Papiertüte. Ich vermutete, dass er ein Obdachloser war, der sein Hab und Gut schützen wollte.

Ein Schulfreund fuhr mit dem Fahrrad vorbei, unsere Schulkollegin auf der Stange vor sich balancierend. Er trat in die Pedale, während sie lenkte. Sie fuhren an uns restlichen dreien vorbei. Wir waren nämlich zu Fuss unterwegs.

Der Typ steuerte auf uns zu. Ich kriegte ein mulmiges Gefühl und zog meine beste Freundin ein Stück beiseite, damit wir ihm ausweichen könnten. Doch er änderte den Kurs und kam direkt auf uns zu. Ich hatte mich nicht mehr unter Kontrolle, hielt instinktiv an und streckte den Arm seitwärts aus, um meine Freunde daran zu hindern, weiterzugehen. Denn etwas stimmte irgendwie nicht mit diesem Kerl.

Meine Freundin protestierte kleinlaut, ich hörte nicht auf sie. Ich weiss nicht mehr, wie weit wir voneinander gestanden hatten. Die Angst ergriff mich. Und prompt in diesem Moment zog der Irre eine Pistole aus der Tüte und zielte auf uns. Eine gefühlte Ewigkeit, aber in Wahrheit nur ein paar Millisekunden, standen wir da, ehe sich das Adrenalin explosionsartig im ganzen Körper verteilte und in die Beine pumpte. Wir machten umgehend Kehrt und rannten davon. Weg aus der Unterführung, so schnell uns die Beine trugen, nicht zurück schauend. Wie die Weltmeister waren wir gerannt. Nur die unmögliche Frage "Hey, warum rennt ihr jetzt weg?" verhallte unbeantwortet in der Unterführung.

Was für eine blöde Frage, angesichts der speziellen Situation, während man selbst womöglich um sein Leben rannte. Ob die Pistole auch geladen war?

Nachdem wir den längeren Heimweg angetreten hatten, über eine vielbefahrene Strasse ohne Fussgängerstreifen, nur um nicht nochmals die Unterführung nehmen zu müssen, erblickten wir auf der anderen Seitenstrasse beim Bahnhof ein Polizeiauto. Wieso hatte niemand eingegriffen und diesen irren Menschen gestoppt?

© Yeahlena