Mein Mann, mein Schwager und ich

Am 04. Juli 2006, dem amerikanischen Nationalfeiertag, suchten mein Mann, mein Schwager und ich fast vergeblich nach einer Bleibe in einem Motel. Alles war ausgebucht der Küste entlang zwischen San Diego bis San Francisco. Nach etwa 80 km Autofahrt landeinwärts, wurden wir doch noch fündig und buchten das angeblich letzte Zweizimmer-Apartment. Gott sei Dank blühte uns keine Nacht im Auto.

Am nächsten Tag nahmen wir uns vor, Sea World in San Diego zu besuchen. Gesagt - getan. Wir setzten uns bei der Delfinshow irgendwo in die Mitte der Arena. Unten am Becken stand ein kleiner Junge bei den Mitarbeiterinnen und half mit, die Delfine zu füttern. Eine Frau bat ihn, an den Händen zu riechen. "Fishy?" Er nickte. Sie sagte, er solle sich die Hände am T-Shirt abputzen, die Mutter werde ja sicher demnächst die Wäsche waschen. Das Publikum lachte.

Die Mutter, die alles mitverfolgte, durfte mit dem "gewonnenen" Fotoapparat ein paar schöne Fotos vom Sohnemann knipsen. Dabei lehnte sie sich zu weit über das Becken und fiel ins Wasser. Panisch schrie sie umher. Die entsetzten Mitarbeiterinnen wiesen sie an, sich an den Rückenflossen der Delfine zu halten. Das tat sie und wurde prompt von zwei Delfinen quer durch das ganze Becken durchs Wasser gezogen. Langer Rede kurzer Sinn: Es stellte sich heraus, dass diese Mutter eigentlich zum Personal gehörte und keine Angst vor Delfinen hatte. Wow, die Amerikaner sind echte Entertainer!

Bei der Orca-Show wurde mit einem Schild gewarnt, dass die ersten drei Reihen in der Regel nass gespritzt werden. Mein Mann, mein Schwager und ich setzten uns deshalb etwas höher. Schliesslich wollte ich tolle Fotos machen, ohne dass meine Kamera einen Wasserschaden erlitt.

Alles war still, auf zwei Riesenleinwänden hinter dem Wasserbecken wurde ein Film eingespielt. Eine Vorgeschichte zur tollen Freundschaft und Liebe zwischen Mensch und Orca (trotz dessen Gefangenschaft, versteht sich). Als die Menschenfigur von der Leinwand verschwand, tauchte ein Mann im Neoprenanzug hinter der Leinwand hervor. Das Timing war gut einstudiert. Und dann geschah etwas, was mich total stutzig machte: Die amerikanische Nationalhymne erklang, beinahe alle Besucher des Sea World erhoben sich aus den Sitzen, legten sich feierlich die Hand aufs Herz uns sangen die Hymne.

Nach reiflichem Überlegen entschied ich, sitzen zu bleiben. Ich war ja Schweizerin, nicht Amerikanerin. Es wurden einige Worte den Veteranen gewidmet, den mutigen Männern im Krieg, usw. Ich fragte mich, ob das zu jeder Show gehörte.

Dann wurde der Orca ins Becken gelassen. Eine atemberaubende Show wurde uns dargeboten. Die vordersten Reihen wurden wie versprochen auf Befehl vom Orca nass gespritzt. Als die ganze Vorführung vorbei war, rannte der Mann im Neoprenanzug durch die Reihen, um bei den Zuschauern abzuklatschen. Mir hing der Kiefer nur noch runter. Die Amerikaner sind wahrlich gute Entertainer, dachten mein Mann, mein Schwager und ich.

© Yeahlena