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Wo bringt der mich bloss hin?

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Wo bringt der mich bloss hin? | story.one

Während meiner Schwarzarbeit in einer Bar, im zarten Alter von 17 Jahren, hatte ich viel Kundschaft mit Getränken bedient: Jungs, die sich beim Breakdance duellierten, händchenhaltende Liebespärchen, beste Freunde. Hie und da "verirrten" sich auch Personen ohne Begleitung in die Bar, wie ein junger Mann kroatischer Abstammung, dem ich offensichtlich gefiel.

Dies überraschte mich total, denn ich war es nicht gewohnt, die erste Wahl eines Mannes zu sein. Meine beste Freundin, die mit mir an den Wochenenden in der Bar arbeitete, war für die allermeisten Typen der Blickfang schlechthin. Sie war einfach hübscher, beliebter, interessanter und geheimnisvoller. Und sie hatte lange Haare, was die meisten Typen bevorzugten.

Nun standen wir also da an der Bar, der junge Mann und ich, zwischen uns die Theke. Er bestellte etwas, ohne mich aus seinen dunklen Augen zu lassen. Beim bezahlen fragte er mich, ob wir uns nachher noch sehen könnten. Ich erklärte ihm, dass ich bis 01:30 Uhr arbeitete, danach noch saubermachen müsse, aber ab 02:00 Uhr wäre ich soweit. Er verabschiedete sich und meinte, er käme pünktlich zurück. Natürlich, sagte ich und glaubte nicht daran. Er strich sich durch die hellbraunen Haare und ging.

Doch er kam tatsächlich zurück. Pünktlich wie die Schweizer Uhr stand er vor der verlassenen Bar und wartete auf mich. Ich hatte zwar keine Angst, doch war mir irgendwie komisch zumute, denn sowas erlebte man nicht alle Tage - ein Date mit einem Fremden zu dieser unchristlichen Zeit.

Ich stieg in sein Auto ein, was ich heutzutage niemals bei Fremden täte. Er fuhr aber nicht weit weg, nur auf die andere Seite des Bahnhofs. Wo bringt der mich bloss hin, frage ich mich insgeheim. Wir stiegen aus und ich folgte ihm in eine andere Bar. Eine, schummrige die ich vorher nie kannte. Eine, die meist nur Männer besuchten. Eine, wo nackige Frauen mit einem Tanga-Höschen bekleidet an einer Stange herumtanzten. Ich war verunsichert.

Er bestellte uns jeweils einen Baileys. Wir stiessen an und tranken schweigend dieses süsse Gesöff. Obwohl mir die ganze Situation skurril vorgekommen war, hatte es auch etwas Gutes. Es war nämlich DER Tag in meinem Leben, an dem meine Liebe für Baileys entbrannte. Wer hätte das gedacht?

Der junge Kroat brachte mich nach Hause und parkierte vor dem Hochhaus, wo ich noch bei meinen Eltern wohnte. Zum Abschied wollte ich nicht zickig erscheinen, und gab ihm einen sehr flüchtigen Kuss auf die Wange, nachdem er sich zu mir herübergelehnt hatte. "Was? Nur so ein schneller Kuss auf die Wange? Ich möchte deine Lippen spüren." säuselte er. Ich lehnte ab. Seine Enttäuschung war ihm anzusehen. So spontan war ich auch wieder nicht.

Vielleicht dachte er, ich wäre für ihn eine schnelle Affäre. Aber das ist nunmal das Risiko bei Menschen, für die man sich keine Zeit nimmt, sie kennen zu lernen. Wer weiss, vielleichte hätte dies eine wunderbare Beziehung werden können, wären die Umstände anders gewesen.

© Yeahlena 18.04.2020

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