Das Menuett

„Wir bekommen Unterricht vom ersten Geiger des Amadeus Quartetts !“

Diese Neuigkeit liess unsere vier Herzen höher schlagen, wir konnten unser Glück kaum fassen. Nie hat uns etwas so sehr motiviert um intensiver zu proben, um noch mehr die Werke zu studieren, die wir uns vorgenommen hatten. Müdigkeit existierte ab sofort nicht mehr, Familie, Freunde, alles wurde völlig unwichtig. Jeden Tag frönten wir der Quartettkunst und stritten, was das Zeug hielt: Die zweite Geige hat den Einsatz verpasst, die Bratschte spielte zu tief, die erste Geige konnte nicht das Tempo halten, das Cello war zu laut- nie waren wir zufrieden. Unsere Professoren, die uns über das Jahr hindurch coachten, lächelten milde und freuten sich über unseren Ehrgeiz. Wir zappelten wie die kleinen Kinder, ungeduldig und voller Vorfreude.

An einem grauen, verregneten Frühlingstag versammelten wir uns endlich in der Aula des Konservatoriums um unser großes Idol zu begrüßen. Ich liebte alle Aufnahmen dieses legendären Quartetts. Da kam er in Begleitung seines ehemaligen Schülers, der ihm behutsam half, die Treppen hinaufzukommen. Ein betagter, durchaus beleibter Herr stand nun vor uns. „Oh mein Gott, er sieht aus wie eine Meeresschildkröte!“ dachte ich amüsiert und war zugleich erschocken über meine kindischen Gedanken. Mit langsam gesprochenen Worten begrüßte er uns und nach diesem feierlichen Akt war es dann soweit. Wir spielten ein bekanntes klassisches Quartett.

Der erste Satz, der zweite Satz waren schnell durchgearbeitet, sodaß wir munter weiter wollten um nun das Menuett vorzuspielen. Auf einmal spürten wir eine Gemütsveränderung unseres strengen, aber doch müde wirkenden Lehrers. „Ihr spielt gerade meine liebste Melodie, ich liebe dieses Menuett über alles!“ Erstaunt und voller Freude sahen wir, wie er in die Gänge kam, er sang die Stimme der ersten Geige und fuchtelte mit den Armen um die Linien der Melodie zusätzlich zu betonen. Diese Darbietung war so köstlich wie irritierend anzusehen, da seine Stimme unkontrolliert laut und leise wurde, die Tonhöhen kaum erkennbar waren und die gesamte Erscheinung einem Erdbeben glich. Unbeirrt schnappte er sich plötzlich die Geige unseres Kollegen und setze an um zu spielen. Wir waren entzückt, welche Ehre!

Doch dann wurden wir Zeuge einer menschlichen Tragödie. Er konnte sich nicht mehr an die Passage erinnern, welche ihm so viel bedeutete. Er brach ab und begann erneut von vorne, verhaspelte sich im Rhythmus. Nervosität brach aus. Der große Held der Quartettwelt liess vor unseren Augen den Kopf hängen und wir sahen einen verzweifelten alten Mann vor uns. „Ich habe sie vergessen, ich kann sie nicht mehr spielen!“ quoll es mit tränenerstickter Stimme aus ihm heraus. Wie ein Häufchen Elend sass er nun uns völlig verzweifelt vor uns. Der Unterricht wurde sofort abgebrochen und vertagt und er verliess gestützt von seinem Schüler den Raum.

Noch heute kommen mir Tränen, wenn ich dieses Werk höre.

© Yolerda