Fass dich kurz

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Fass dich kurz | story.one

Zeilenlange, komplizierte Schachtelsätze, die einen ganzen Absatz füllen können, verwendete ich (zu) gerne. „Das Parfum“ von Patrick Süskind ist ein großartiges Beispiel für solche Sätze. Dieses kleine Buch ist vollgestopft mit absatzfüllendenden Sätzen.

Nun gab es unter denjenigen, bei denen ich den Deutschunterricht besuchen durfte, einen Lehrer, der uns nicht nur eben erwähntes Buch als Leseaufgabe gab, sondern auch liebend gerne meine Aufsätze mit dem Kommentar „Fass dich kürzer“ oder „Kürzer fassen“ oder „Fass dich kurz“ oder irgendetwas anderem ähnlich lautendem versah.

Auch den vorangegangenen Satz hätte er vielleicht so kommentiert. Denn ganz abgewöhnen konnte ich mir das nie. Sich in Geschichten kurz zu fassen und diese trotzdem so zu erzählen, dass diese Bilder im Kopf erzeugen, ist eine Kunst für sich. Martin Suter ist dafür ein großartiges Beispiel. Ende letzten Jahres brachte mir mein Liebster „Allmen und der Koi“ mit nachhause. Daraufhin holte ich wieder seine Bücher aus dem Regal, die ich schon besaß. „Ein perfekter Freund“, „Die dunkle Seite des Mondes“ und natürlich „Small World“.

Bis heute ist dieser Lehrer einer der prägendsten für mich geblieben. Ohne ihn hätte ich mit 16 Martin Suter noch nicht für mich entdeckt.

Erstes Semester, zweite Klasse HAK. Wir durften als Gruppe entscheiden, welches Buch wir lesen sollten. Eines, dass jemand von uns vorschlug, oder „Small World“. Meine Stimme gehörte zu den dreien, die lieber „Small World“ gelesen hätten. Der Rest entschied sich für das Jugendbuch „Voll im Rausch“. Ich las beides. Das eine, weil ich musste. Das andere, weil ich wollte. Bis zu diesem Zeitpunkt war ich ein reiner Fantasy-Junky gewesen. So erweiterte sich mein Lesehorizont. Das Bücherregal füllte sich langsam nicht mehr nur mit Fantasy und Science-Fiction.

Manchmal sind es nur Kleinigkeiten, weswegen uns bestimmte Menschen gut in Erinnerung bleiben. Winzige Gesten, ein paar freundliche Worte, die vielleicht auch einem verunsicherten 16-jährigen Teenager Zuversicht geben.

5 Deutschlehrerinnen und 1 Deutschlehrer haben meine Schulzeit begleitet. Über 2 würde ich nur schimpfen, 4 von ihnen danke ich an dieser Stelle.

Aber es gibt nur einen, bei dem ich in meiner Erinnerung immer zurückreise zu diesem einen Elternsprechtag, den ich mit meinem Vater besuchte. Zweite Klasse HAK, zweites Semester. Ich sehe, wer ich damals war. Dieses Ich lebt noch immer in mir. Ich kann es heute noch spüren. Das stille, nachdenkliche, verunsicherte Mädchen. Gesprächsfetzen und ein Lächlen.

"Was macht ihr hier?"

"...aber die Mitarbeit sicher, oder?"

"Das ist nicht so wichtig........eine der besten Schülerinnen........das passt schon so wie sie ist. Sie ist eben so."

10 Minuten, die meine Einstellung zu mir selbst veränderten. Kurz gefasst in 2500 Zeichen.

© Zeitreisende 16.02.2020