Der grantige Gassenromeo

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Der grantige Gassenromeo | story.one

Zigarettenrauch zieht durch das gekippte Fenster in die Wohnung. Leise schimpft der Raucher vor sich hin. Dann ist das verräterische Klicken eines CD-Players zu hören. Laut dröhnt „Für immer“ von den Böhsen Onkelz durch die Gasse und eine Männerstimme grölt dazu mit.

Das Lied ist zu Ende und wieder dringt Zigarettenrauch in die Wohnung. Das leise Schimpfen wird lauter.

„Deppate Schlompn. Wos soll i denn nu mochen.“

Die Zeit vergeht, unser Fenstergast wechselt immer wieder Zigarette gegen Schimpftirade, bis er sich nach einer Stunde schließlich in Rage geschrien hat.

„Wos is mit dir! Heast kum aussa! I konn die seng! Kum oba du Schlompn!“

Die Rufe gelten dem Balkon im dritten Stock schräg gegenüber auf der anderen Straßenseite. Wenige Wochen zuvor noch hatte dieselbe Stimme Liebesbekundungen an den Balkon gerichtet. Vor Schmalz und Romantik triefende Rufe hatte unser Romeo an seine Julia gerichtet und auch Erfolg gehabt.

Wir hörten, wie er seine Liebste vor unserem Fenster abholte, sie küsste, ihr immerwährende Liebesschwüre ins Ohr flüsterte und dann mit ihr davonbrauste in seinem Auto. Nun bekamen wir aber ebenso lautstark zu hören, wie diese Romanze in die Brüche ging.

„Schau dassd oba kumst Schlompn! I hob die scho geseng mit deim neichn Hawara!“

Seine Rufe blieben aber ungehört und so nahm der verschmähte Liebhaber kurzerhand sein Handy zur Hand. Die Angebetete beantwortete tatsächlich den Anruf unseres Gassenromeos.

„Heast, wos haßt du bist ned daham! I konn eich doch seng!“

Kurz Stille.

„Glaubst du konnst mi für deppat vakaufen Gschissane! I siag doch wiest di am Balkon hinter da Pflonzen vasteckst!....und wer is des do im Hintagrund, deppate Schlompn! Is des dei Neicha?!“

Nach einer weiteren Stunde blumigstem, wiener Fachfluchjargon, musste er dennoch den Rückzug antreten. Die Angebetete war nicht hinter ihrer Pflanze aufgetaucht und hatte sich in ihrer Wohnung verschanzt. Viele solcher Geschichten spielten sich in der Gasse vor unserem Fenster ab. Selten aber so lautstark und ausführlich. Meist wurden lachend Witze in den verschiedensten Sprachen ausgetauscht. Oftmals auch bei einem Zigaretterl. Langweilig wurde es nie.

Unser Fenster zur Gasse war ein Treffplatz für alle und in unserer kleinen, dunklen, hellhörigen Wohnung drangen all die Geschichten zu uns herein. So wurde Wien zu meiner zweiten Heimat. Mit all den Menschen, den grantigen und fröhlichen. Mit dieser wunderbaren Vielfalt. Im türkischen Supermarkt am Eck erledigte man die Wocheneinkäufe. Mit dem 10A fuhren wir nach Schönbrunn spazieren oder hoch Richtung Baumgartner Höhe. Mit dem 49er rein in den 1sten oder mit der U3 nach Erdberg in die Arena.

Mein Wiener hat mir sein Wien gezeigt in all seinen Facetten und ich habe beide ins Herz geschlossen. Die rüde plärrenden Gassenromeos genauso, wie die schönen Prunkgebäude und die Vielfalt. Das grüne und das graue Wien eben.

Dort am Eck vor unserem Fenster, in Penzig an der Grenze rüber zum 15ten.

© Zeitreisende 07.03.2020