Durch die Nacht

Gesundheit verloren, Job verloren, Wohnung verloren, Auto verloren - was noch? Auf der Flucht vor mir selber finde ich mich immer häufiger an Bartresen mit einem Glas Whisky und einem Glas Bier vor mir wieder und versuche auf die Reihe zu kriegen was da alles schief gelaufen ist.

Meistens verschlägts mich nachher in gewisse Etablissements.

Und dann wieder zurück zum Alkohol.

Was bleibt einem über wenn weder Medikamente noch Therapie greifen?

Von einem Tag auf den anderen von 'Jung, dynamisch und erfolgreich' zu 'Alt, krank und Pleite'. Muss man mal verdauen.

Und dann der finale Niederschlag. Depression, multiple Persönlichkeitsstörung, Alkoholabusus, so heisst das also wenns einem richtig Scheisse geht.

Das was ich permanent fühle, ist glaube ich nicht wirklich zu beschreiben. In meinem Kopf sitzt ein schwarzes Loch das droht alles aufzusaugen und vor dem ich permanent wegrenne - das ich ständig versuche mit irgendwas zuzustopfen – hauptsächlich Alkohol, aber auch sinnlosem Zeug das ich einkaufe und nicht allzuletzt mit Frauen.

Und diese ständige schwere, als liefe ich den ganzen Tag mit Mühlsteinen um den Hals herum, nichts geht weiter.

Und irgendwas in meinem Gehirn verlangt nach etwas, will befriedigt werden, aber ich weiß nicht was.

Ich bin getrieben.

Ist ja nicht so das dieser Zustand mir gänzlich unbekannt wäre. Ein Sonnenschein war ich noch nie und eine 'leicht melancholische Stimmung' mit einer 'angenehm negativen Einstellung zum Leben' – wie jemand anderes es bereits vor zehn Jahren formulierte – ist sozusagen meine Homebase.

So, letzter Schluck Bier, letzter Schluck Whisky, Zigarette ausdämpfen. In zehn Minuten ist Termin in meinem derzeitigen Lieblingsetablissement.

Mit Angie, meiner Lieblingsmasseurin.

Es ist wie immer ein Hochgenuss und desto länger unsere Session dauert und desto intensiver sie wird, desto mehr feuern die Rezeptoren in meinem Gehirn.

Ich kann nicht genau sagen was ihre Berührungen auf meiner Haut auslösen, aber sie geben mir in meiner psychischen Hölle das Gefühl von Geborgenheit und angenommen zu werden.

Es ist wie in einem Traum.

Ein Prickeln, ein umsorgt sein, aufgehoben sein.

Angie ist auch ein super Antidepressivum.

Nach einer genauso aufregenden wie entspannenden Stunde geht es zurück auf die Straße. Der Nachthimmel ist so schwarz wie die Wolken die in meinem Schädel sitzen. Aber ich fühle mich besser. Ein Teil der Last ist von meinen Schultern gefallen. Erstmal Zigarette anzünden.

Ein paar Bier und ein paar Whisky gehen noch - zum absacken sozusagen und bis in den Rausch, der mich von dem Rausch als den ich meine Depression wahrnehme, den permanenten Absturz, erlöst.

Bis ich mich garnichts mehr spüre.

Und dann zurück durch die Nacht.

Dann kann ich schlafen.

© Zerbrochener_Spiegel