Kindheit 1 Am Bauernhof "Zum Lettn"

Meine Erinnerungen beginnen mit 1963. In diesem Herbst ist mein dritter Geburtstag. Sofort rieche ich den Stall und das nasse Gras. Schmecke den Staub vom Heu in der Scheune. Ich bin zurück.

Das Einbringen vom Heu in die Scheune füllt jede Holzspalte mit Staub. Richtige Wolken bewegen sich bis zu den Dachbalken hinauf. Das Scheunentor ist ganz offen. Und durch das kleine Dachfenster fällt nur wenig Licht. Aber in diesem Lichtstrahl ist der Tanz der Staubkörner besonders schön. Es kitzelt in den Augen und in der Nase. Meine kleinen Hände reiben sie immer wieder. Macht nichts, denn ich bin mit dabei. Darf mithelfen. Was für ein Spaß! Am Dach von der Tenne, wir sagen im Dialekt "Tena",hängt eine riesige Eisenspinne, die Papa oder Opa mit einer Kurbel bedienen, um das Heu vom Boden in die Höhe zu befördern. Es erleichtert ihnen diese Arbeit sehr. Das Heu muss zu einem großen Stock aufgetürmt werden. Wie ein Hochhaus schaut es von mir hier unten aus. Die stark gebogene Holzleiter lehnt daran. Ich darf da nicht hinaufsteigen. Sie wackelt zu sehr und die Sprossen sind so weit auseinander. Ein bis zwei Sprossen habe ich schon mal ge-schafft, als mal keiner auf mich achtete. Ja, da stand ich dann oben und brüllte, weil meine Beinchen zu kurz waren, um wieder herab zu steigen. Bei einem Fall hätte mich der harte Steinboden sicher nicht sanft aufgefangen. Ich glaube Opa hat mich gerettet. Ohne Aufhebens, ohne Worte. Genauso ist Opa. Von allen wird er "Dattä" genannt. Er spricht sehr wenig und lässt mich einfach gewähren. Er sagt mir nicht, wie man bestimmte Dinge macht. Aber ich darf ihm solange zusehen und bei ihm sein, wie ich will. Und dann versuche ich, seine Arbeit nach zu ahmen. Ein sanftes Streichen seiner rauen, rissigen Hände über meinen Kopf heißt: "Das hast du gut gemacht." Er braucht dazu keine Worte. Wir rechnen Gras oder Heu zusammen. Er mit dem großen Holzrechen und ich mit meinem Kinderrechen. Oder wir kehren mit dem großen Reisigbesen - da habe ich keinen kleinen - den Tenaboden. Nur Opas Blicke oder mein Lachen zu ihm hinauf genügen uns als Konversation. Eine wunderbare Gemeinsamkeit.

Die Katzen - dass es genau 13 sind, weiß ich noch nicht - fühlen sich gestört. Normal ist es ihr Revier. Sie sind Streuner, aber ihre Jungen bringen sie im Haus oder im Tena zur Welt. Ständig huschen sie nun rein und raus und warten darauf, dass wieder Ruhe einkehrt in ihrer Behausung.

Dann sind wir fertig. Alles Heu ist im Tena. Opa hat einen kleineren Heustoß für mich gemacht und da liege ich nun. Es ist weich und warm und duftet sooo gut. Die großen Heustöcke sind gut zusammengetreten. Perfekt viereckig. Kein Halm steht heraus. Alles ist aufgeräumt. Die Rechen hängen neben den Reisigbesen in Reih und Glied an der Tenawand. Die Heugabeln stehen neben dem Futterloch, durch das das Heu in den Stall zu den Kühen geworfen wird. Die Hektik des Tages ist vorbei und meist fängt es an zu regnen. Schon wieder ein Mordsspaß, denn ich ziehe mich aus und laufe in den Pfützen herum.

© ZM