Frau Mann

  • 666
Frau Mann | story.one

»Bin kurz weg. Wollte mal wieder laufen.« Schrieb an meinen Mann und zog meine Trainingssachen an. Zügig schnappte ich den Schlüssel und holte Luft. Rauf auf die Stiege, die Atzgersdorfer Straße hinunter und auf der Rosenhügelstraße zurück.

Nach den ersten Anstrengungen erblickte ich eine Rollstuhlfahrerin, die sich mühsam mit kleinen, schupsenden Bewegungen mit den Füßen nach vorne bewegte. Ich unterbrach mein Laufen und bot meine Hilfe an, da mir die alte Dame so leidtat.

»Wo wollen Sie denn hin?« fragte ich neugierig und machte mir Gedanken, wie lange sie wohl mit diesem Tempo bräuchte, um ihr Ziel zu erreichen.

»Noch ein Stück geradeaus.« sagte sie. Ihre Stimme klang dankbar, aber fordernd.

Ich willigte ein und schob die unbekannte Dame weiter. Keinesfalls musste ich mich um ein Gespräch bemühen, da sie mir gerne erzählte, wie sie nach einer Veranstaltung plötzlich alleine dastand und sich niemand mehr um sie kümmerte. Interessiert hörte ich ihr zu, aber die Gehsteigkanten lenkten mich öfter ab und kosteten mich viel Kraft. Noch niemals habe ich darüber nachgedacht, wie mühsam es ist, einen Rollstuhl zu schieben. Da das versprochene Stück schon längst vorüber war, fragte ich sie, wo sie wohnt. Die Antwort versetzte mich in Erstaunen.

»In Atzgersdorf, meine Liebe. Wie nett ist das von Ihnen, dass Sie mir helfen.« fügte sie noch hinzu.

»Dann müssen wir unbedingt den Bus nehmen« antwortete ich in meiner Verzweiflung, da ich wusste, dass ich sie begleiten muss und ich kein Handy, kein Geld und keinen Fahrschein bei mir hatte. Also nahmen wir den Bus: Klappe runter, Dame rauf und ich setzte mich das erste Mal mit den Sicherheitshinweisen für die Rollstuhlbeförderung auseinander. Als wir ausstiegen, war sie plötzlich unsicher, welchen Weg wir nehmen sollten. Erst dann bemerkte ich ein blaues Armband an ihrem Arm: Frau Mann Tel.: 01 313991160

Da wusste ich, dass ich die ganze Zeit auf die Anweisungen einer alten, demenzkranken Frau gehört hatte. Eine rasche Lösung musste her und ich fragte Passanten, ob sie die Nummer wählen könnten, um die Dame sicher heimzubringen. Ein Mann im mittleren Alter lehnte seine Hilfe ab. Eine jüngere Frau mit bunten Haaren war mein zweiter Versuch. Sie rief an und gab im Heim Bescheid, dass ich mit Frau Mann unterwegs bin und sie zurückbegleiten werde. Wir nahmen den nächsten Bus zurück. Noch die Rosenhügelstraße, dachte ich erschöpft und wir haben es geschafft, als Frau Mann sagte:

»Oh, mein Engel, ich bin schon sehr müde. Wir waren lange weg.«

Mit einem Nicken stimmte ich zu und war froh das mehrstöckige, gepflegte Gebäude zu sehen. Am Empfang übergab ich sie in gute Hände und sie sagte zu mir:

»Ich möchte mich irgendwie bei Ihnen bedanken.«

»Dann geben Sie mir Ihre Hand« sagte ich und nahm ihre dünne Hand in meine.

»Auf Wiedersehen, Frau Mann. Und alles Gute!«

Es war nur mehr ein Sprung bis nach Hause und ich ließ alles Revue passieren. Mich überkam das warme Gefühl der Zufriedenheit einer Alltagsheldin.

© Zsanett Mayrl