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#altern#geburtstag#foto

Das Foto

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Barfuß tapse ich in die Küche, ziellos und benommen. Der Boden unter meinen Füßen ist kalt und klebrig und fühlt sich eklig an, genau wie mein Körper, und wie um uns, den Boden und mich, vorzuführen, fällt durch das staubige Küchenfenster ein atemberaubender Strahl goldener Frühlingssonne. Mein Gehirn arbeitet langsam, stotternd, und ich muss in der Mitte des Raums stehen bleiben und warten, bis es auch angekommen ist, um mir zu sagen, was ich tun soll. Es meldet schrecklichen Durst, und ich stürze gierig drei Tassen des köstlichsten Leitungswassers meines Lebens herunter.

Langsam kriechen träge Erinnerungen zurück in meine Gedanken, die lauten Stimmen, die bunten Lichter, die Gin Tonics, deren Mischverhältnis im Laufe des Abends immer gewagter wurde. Ich lächle durch den Nebel meiner Kopfschmerzen - was geht es mir dreckig. Was ging es mir gestern gut. Und während ich spüre, wie die Übelkeit in mir hochsteigt, denke ich: Ich werde nie wieder so viel trinken. Und während ich mich auf den Stuhl, an dem ich mich verzweifelt festhalte, übergebe, denke ich: Ich will, dass das Leben für immer so bleibt.

Als ich mich aufrichte, mir den Mund mit dem Handrücken abwische und mich nach einem Lappen umsehe, fällt mein Blick auf die Überreste des Kuchens, den mir meine Freunde gebacken haben. Sie hatten ihn bunt verziert und mit roter Lebensmittelfarbe eine 19 daraufgemalt, und er hatte auf dem Tisch gestanden und war bewundert worden, bis er uns spät nachts betrunken zum Opfer fiel. Die neue Kamera liegt neben den Trümmern. Vom Restalkohol betrunken mache ich das einzig logische - ein Foto - und als ich wieder aufblicke, ist Winter.

Und ich bin zweiunddreißig und sitze auf dem Sofa und starre aus dem Fenster.

Mir schwindelt noch immer; dem Licht draußen nach zu urteilen, ist es spät, und so fühlt es sich auch an, spät. Ich sage mir, dass es früh dunkel wird im Winter - dass es vielleicht gerade erst halb vier ist, es ist ja auch bewölkt - und versuche angestrengt, mich daran zu erinnern, mir irgendeine Vorstellung zu bilden, welche Uhrzeit sein könnte, doch in meinem Kopf echot die Erkenntnis - es ist spät. Spät, spät, spät.

Ich merke, dass ich etwas festhalte, und schaue auf meine Hände - ein Fehler, denn natürlich ist es das Foto. Ein beinahe vollständig zerfallener Geburtstagskuchen, eigentlich nur noch Krümel und Klumpen, und auf einem größeren zusammenhängenden Stück erkennt man noch die rote 19, verschmiert und klebrig. Ich erinnere mich, gedacht zu haben, es würde eine Ästhetik besitzen, als ich durch den Sucher der Kamera darauf schaute - dass es die gleiche dadaistische Wirkung besitzen würde wie ein abstraktes, modernes Kunstwerk, eine Rebellion gegen weiß Gott was, eine Heiligsprechung der Unvollkommenheit. Ein Anachronismus.

Es hatte ein Symbol sein sollen, für die Ewigkeit des Moments. Doch - ich muss den Blick abwenden, so sehr brennt es mir die Erkenntnis in die Augen - es ist nur ein verwackeltes Foto.

Da beginne ich, zu weinen.

© Anna Zappe 2022-08-31

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