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EINMAL MÖBELHAUS

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EINMAL MÖBELHAUS | story.one

Schon der erste Schritt aus der U-Bahn lässt mich leicht schwanken: Sind die Regenbogensocken vielleicht doch ein bisschen too much, zu gewollt? Oder sind sie zu versteckt, für ein richtiges Statement? Regenbogenbunt besticht – aber es sticht auch ins Auge und einige Menschen mögen eben nichts Buntes. Um meine Unsicherheit zu überwinden, gehe ich schneller und ziehe meine Jeans ein bisschen weiter nach unten.

Die Queer-Bar ist so voll, dass sich die Eingangstür nicht mehr ganz schließen lässt und die FLINTAs von Innen herauszufallen drohen, obwohl sie doch alle nur ein Ziel haben: Hineinzukommen. Einmal in der Woche haben wir hier in Berlin einen Safe Space gefunden – nur leider ohne Space: Die Hälfte von uns muss draußen bleiben, aus Platzmangel. Also drängen sich alle in diese beengenden Räumlichkeiten, trinken Bier, Wein, Shots, flirten und tanzen so gut es geht. Alles neu für mich, ich kannte bisher nur die Bar am anderen Ufer.

Durch die halb offene Tür dringt ein Wirrwarr an Stimmen. Pop-Musik im Hintergrund und gefühlte 3000° erwarten mich. Ich schaffe es nicht durch den Haupteingang zu gehen, zünde mir eine Zigarette an und schlendere um den Block – mein Ziel ist der Hinterhof.

Auch auf dem Gehweg hinter der Bar stapeln sich die Queers. Eine an die nächste gereiht sitzen alle auf dem Boden und mindestens jede zweite hatte schon ein Date mit der Ex-Freund*in der Nachbar*in: We are family, klar.

Als Frischling in der Community spüre ich die Frage: Zu wem gehört sie? Ist sie queer oder hetero-Beiwerk? Die Blicke gehen von unten nach oben und versuchen an meinen Augen hängen zu bleiben, meinen Blick einzufangen. Ich spüre eine merkwürdige Distanz und gleichzeitig bin ich hier genau richtig. Nur fühle ich mich noch nicht ganz dazugehörig und irgendwie nicht queer genug. Am liebsten will ich meine Regenbogensocken über den Kopf ziehen und schreien: „Seht mich an, ich bin Teil der Community“. Aber von den Scheuklappen der Introvertiertheit geleitet, fällt mein Blick stattdessen auf den Boden. Ich sehe viele Nikes, aber blicke niemandem in die Augen. Wofür the fuck habe ich alle Staffeln von the L-Word geguckt, wenn ich im Berliner Äquivalent den Blickkontakt meide?

„Hey, ich glaube wir sind verabredet“.

Ich blicke auf. Vor mir steht die erste Person nach dir, die mich richtig interessiert.

Und sie trägt bunte Socken.

© EleaJohanna 2022-08-31

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