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#vaterundtochter#vater#vaterliebe

Hand drauf?

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Hand drauf? | story.one

Es war Mitte Jänner 2011. Mein Vater war im 89. Lebensjahr und kam gerade wieder vom Krankenhaus heim. Anfangs war er ein bisschen durcheinander, aber zu Hause bei mir lebte er schnell wieder auf. Draußen war es eisig kalt. Meine mit glänzenden Granitplatten verkleideten Stiegen waren spiegelglatt und ich hatte Mühe, heil über die vierzehn Außenstiegen zu kommen, obwohl ich mich dabei ganz fest am Geländer anhielt und rutschfeste Sohlen an den Stiefeln hatte.

Abends stellte ich plötzlich überrascht fest, dass der Mülleimer ausgeleert war. Noch vor einer Stunde war das nicht der Fall. Weder meine Tochter noch ich würden dies bei diesem Wetter mit Sturm, Eis und Kälte so spät am Abend tun.Ich lief verblüfft von der Küche ins Wohnzimmer hinein, wo mein Vaterund seine Enkelin gemütlich beisammen saßen und fragte, wer den Müll entsorgt hat.

"Das habe ich gemacht“, sagte mein Vater mit stolzgeschwellter Brust.“So mit deinen Schlapfen und im Schlafrock?”, fragte ich erschrocken und er nickte wieder stolz.

“Wann war denn das Papa?” wollte ich von ihm wissen.

“Na vorhin", antwortete er, “als du gebadet hast”.Ich bat ihn, dies nicht mehr zu tun, denn er könnte ausrutschen und sich arg verletzen.

"Na gut", meinte er.

"Versprochen? Hand drauf?", fragte ich und streckte ihm die Hand entgegen."Nein" erwiderte er.

"Warum nicht“ fragte ich.

"Weil ich ihn doch vielleicht wieder hinunter trage", meinte er verschmitzt und fügte nach einer kurzen Pause hinzu:

"Du weißt ja, dass ich manchmal vergesslich bin."

© Gisela Halwachs

© Gisela Halwachs 2021-09-19

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