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#gnade#machtlosigkeit

Die Illusion von Gnade

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Die Illusion von Gnade | story.one

Es ist 7 Uhr 22, meine Mutter fĂŒhrt mich mit dem alten Volvo zur Schule. Zwischen ihren zwei Fingern qualmt eine brennende Zigarette. Aus den vorderen Lautsprechern des Autos dröhnen 80er Oldies. Der Radiosender ist spezialisiert auf diese Art von Musik, nur konnte ich diesen Krawall nicht mehr ertragen, zudem sind es auch immer die selben Lieder. Zu der Zeit gab es noch keine automatische Frequenzsuche, man musste den Sender manuell wechseln, dies bedeutete eine Menge an PrĂ€zisionsarbeit und dafĂŒr waren meine Eltern zu faul.

Bei der Schule angekommen, steige ich aus dem Auto aus, schließe die TĂŒr und verabschiede mich von meiner Mutter mit einer winkenden Hand. Wie jeden Tag erwartet mich ein geplantes Programm und ich meine nicht den Unterricht. Tag ein Tag aus sehe ich die gleichen Gesichter, das gleiche Pausenbrot und den gleichen Gang, 66 Fliesen zĂ€hle ich vom Eingang weg bis zum Klassenzimmer. Ich konzentriere mich jeden Tag auf das ZĂ€hlen, weil mir das Geschrei und der tobende LĂ€rm der SchĂŒler auf die Nerven gehen. Wie halten das die Lehrerinnen aus? Vor der KlassentĂŒr hole ich noch einmal tief Luft und begebe mich in den Raum. NervositĂ€t ist zu meinem stetigen Begleiter geworden. Ich setzte mich in die zweite Reihe und beobachte die affenartigen Bewegungen meiner MitschĂŒler mit Desinteresse, dabei fĂ€llt mir der rauchige Geruch meiner Klamotten auf, den ich jeden Tag in die Schule mitnehme. Ich schnuppere an meinem Shirt und muss dabei an die brennende Zigarette und den Qualm im Auto meiner Mutter denken.

Aus dem heißen Lauf meines Sturmgewehrs tritt Qualm heraus. Mein gesenkter Kopf ist auf die leblosen Puppen meiner Feinde gerichtet, die den eintönigen Metallboden mit roter Farbe und schwarzen Aschenflecken bereichern. Dabei kommt mir der Gedanke wie machtlos wir doch eigentlich sind. Wir werden in Lebenssituationen gestoßen und haben doch nur begrenzten Einfluss darauf. Wenn ich so zurĂŒckdenke, ergibt alles einen Sinn, als gĂ€be es ein Schicksal. Eine vorgeschriebene Handlung die wir nur rĂŒckblickend verstehen. Zuerst denken wir uns wie dunkel alles ist, dass wir aus diesen Tiefpunkten im Angesicht der Verzweiflung nie herauskommen werden. Jedoch wandern wir weiter und ĂŒberraschen uns selbst wie viel tiefer wir es schaffen zu fallen. Mit den Erwartungen, die wir an uns stellen, ziehen wir uns wieder aus den Löchern. Die Erwartungen dienen einem Ziel, ein Ziel dient dem Ausgleich eines Mangels. Ein Mangel an Liebe, BestĂ€tigung, Freude, Sicherheit oder Akzeptanz. Vom Startpunkt aus gesehen besitzen wir alle den gleichen Mangel, doch unterscheiden uns durch unsere Ambitionen. Das Ziel können wir aussuchen, aber nicht den Mangel, also werden wir wieder in das gleiche Loch zurĂŒckgestoßen, sobald wir glauben das Ziel erreicht zu haben. Tatsache ist, dass es so was wie ein Endpunkt nicht gibt, nur den Startpunkt. Wir tragen alle einen Haufen Elend mit uns und streben nach Höherem fĂŒr eine Illusion von Gnade.

© Igö_Kednis 2022-07-19

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