skip to main content

#mut#kindheit#kraft

Sehnsucht

  • 14
Sehnsucht | story.one

Das Niederstrecken meiner Gegner hat in mir ein Gefühl der Zufriedenheit geweckt. Macht mich das zu einem Mörder? Ich lade nach, so gut wie ich das Spiel kenne müssten sich jeden Augenblick neue Fußsoldaten auf dem Weg machen, um es mir heimzuzahlen. Doch mein Adrenalin bleibt niedrig, auch wenn ich vielleicht im nächsten Moment genauso eine leblose, von den Drähten abgerissene, Puppe auf den Brettern der Bühne sein könnte. Mein Blick bleibt dennoch starr auf die Leichen gerichtet. Ich bin ein Mörder. Mein altbekannter toxische Liebhaber mit dem Namen „Selbstmitleid“ taucht wieder auf. Dir wird eingetrichtert wie moralisch gerechtfertigt deine Taten sind, solange du nur auf der richtigen Seite stehst. Doch objektiv betrachtet begehen wir alle Schandtaten, wenn sie unserem Wohl dienen. Ich habe mich bloß verteidigt, noch dazu haben sie erst kürzlich meinen Freund erschossen. Somit ist das gerechtfertigt, Fall abgeschlossen. Ich entferne mich nun vom Tatort in einem gelassenen Tempo. Das Zittern meiner Hände lässt nach und ich erfreue mich an dem Gedanken einer leid-losen Zeit. Wie damals als ich sonntagmorgens am Esstisch saß und freudig auf die Frenchtoasts meiner Mutter wartete. Der Essraum war zugleich unser Wohnzimmer, welches im Sonnenschein aufleuchtete. Durch die offenen Fenster kam frische Luft und vermischte sich mit dem Geruch des süßlichen Bratens. Es war Frühling und die Vögel zwitscherten. Meine Mutter hatte ihr weißes Morgenkleid an und war mit der Zubereitung beschäftigt. Ihre Schulter langen Haare verdeckten seitlich ihr Gesicht, während sie vorgebeugt die bratenden Toasts wendete. Jeden Sonntag ging das so. Ich habe das immer für selbstverständlich gehalten. Doch jetzt weiß ich, dass es das Paradies war.

Die Schwerkraft, die meine Stahlrüstung zu Boden zieht, erschwert mir den Gang. Es müsste schon längst Verstärkung eingetroffen sein, jedoch höre ich niemanden, auch der Sender scheint tot zu sein. Die LED Lichter führen mich einen Korridor entlang, doch der Gebäudekomplex umfasst lange und enge Wege, welche mir keine Übersicht über das Ganze gewähren. Wenn man keinen hat der einen jagt, sind die einfachsten Ausführungen die Schwersten. Ich gebe mich der Schwerkraft hin und lehne mich gegen die Wand, dabei rutsche ich zu Boden und lege die Waffe auf die Seite. Die Mission ist simpel. Das Gebäude sichern und feindlichen Zutritt verhindern. Mein Team und ich konnten die meisten Kontrollpunkte einnehmen, jetzt ist nur mehr ein Punkt übrig und ich bin allein. Die Frage ist, wie lange. Werde ich auf Widerstand stoßen? Höchstwahrscheinlich. Werden mir Kameraden zur Unterstützung kommen? Ich gebe langsam die Hoffnung auf. Zudem wurde mir meine einzige Stütze genommen. Was treibt mich denn jetzt noch an? Die kommende Bedrohung oder die Vision einer friedvollen Zukunft nach Gewinneintritt. Beides ist mir im Moment gleichgültig. Auf einmal, mein Sender gibt ein kurioses Rauschen von sich.

© Igö_Kednis 2022-08-23

Comments

No comments yet.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.