skip to main content

#notfall#notarzt#panik

Elektrolytentgleisung

  • 101
Elektrolytentgleisung | story.one

Das Dumme war nur, dass man Ersatz finden musste. Wenn niemand erreichbar wäre, müsste der arme Kollege an seinem Platz bleiben, bis eben jemand käme. Die nächste Schicht eventuell. Und wenn auch diese Ablöse krank geworden wäre?

Ein bisschen Durchfall. Ist eh schon besser geworden – und ob ich zu Hause oder in der Schaltwarte sitzen würde, was machte das für einen Unterschied?

Ich packte vor den PCs meine Sachen aus, Kugelschreiber, Thermoskanne, Jause, Zeitung … so es eine störungsfreie Schicht geworden wäre, hätte ich Zeit zu lesen gehabt. Im Idealfall wäre nichts weiter zu tun gewesen, als jede Stunde Werte in ein Datenblatt einzutragen. Dazu nahm ich den Kugelschreiber zur Hand. Nanu? Die Fingerspitzen fühlten sich irgendwie taub an. Das konnte doch gar nicht sein! Nur Einbildung!

Alle Abläufe funktionierten normal und die Leistung war optimal angepasst. Mein Vorgänger hatte gute Arbeit geleistet! Es wäre Zeit gewesen in der Zeitung zu schmökern. Nur schaffte ich das nicht. Ich verfügte nicht über die nötige Koordination, um die Seiten zu öffnen. Na gut, dann eben nicht. Ich wollte die Zeitung wieder einpacken, war aber nur in der Lage sie zu zerknüllen. Irgendetwas war faul, und zwar oberfaul. Den Chef würde ich anrufen. Unter diesen Umständen wäre es wohl besser, abgelöst zu werden. Doch oh Schreck: Die Zunge war geschwollen, sodass ich nur noch in den Hörer lallen konnte.

Inzwischen war auch dem Maschinisten am Platz gegenüber aufgefallen, dass mit mir etwas im Argen lag. „Geh ans Fenster“, empfahl er mir. „Frische Luft hilft.“

Am Weg dorthin war mir schwindlig geworden. Mich hatte es in Vergangenheit hin und wieder - mit mehr oder weniger schlimmen Verletzungen umgehauen. Man sollte ja nicht nur älter, sondern auch klüger werden, deshalb beschloss ich mich auf dem Boden der Warte langzulegen, ehe ich mit der Birne auf einen der Schaltschränke knallen würde. Inzwischen hatten die Hände zu krampfen begonnen und die Zunge war dermaßen angeschwollen, dass atmen schwierig geworden war.

Plötzlich sah ich mich umringt von Mitarbeitern aus allen möglichen Abteilungen und hörte aus einem Stimmengewirr Tipps abgeben, was wohl die Ursache sei – und wie man Linderung verschaffen könnte.

Der Kreislauf schien irgendwie an seine Grenzen gestoßen zu sein und die Krämpfe waren unerträglich geworden. Unerträglich! Das musste aufhören! Jetzt! Sofort! Und wenn ich den Löffel abgeben würde, wärs auch egal! Hauptsache, es würde schnell gehen!

Die Rettung samt Notarzt waren eingetroffen. Umgehend wurde mir eine Infusion verabreicht. Als der Krankenwagen Richtung Spital an der Ortstafel vorbeifuhr, war ich wieder so weit hergestellt, dass ich am Parkplatz der dort befindlichen Kneipe aussteigen wollte. Die Infusion hatte erstaunlich schnell gewirkt. Doch bestand die Rettungsmannschaft darauf, mich ins Krankenhaus zu bringen.

© Jörg Gschaider 2021-07-08

Comments

No comments yet.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.