skip to main content

#druck#unabhängikgeit

Online IV

  • 16
Online IV | story.one

Er kommt mit langen Schritten hereingestürmt, und reißt den Hörer von der Gabel. Solch ein Ding, hier herinnen. Einfach nur lächerlich. Eine hektische Stimme schreit von irgendwo her in den Hörer. Sie dringt bis zu mir vor, aber ich schenke ihr so wenig Beachtung wie möglich. Nur Wortfetzen kommen an: „Telefoneinheit“ „mir nicht“ und „viel zu viel auf … unmöglich.“ Irgendwo muss ich anfangen, ich hake ein, möglichst weit oben, ich muss zuallererst Kollateralschäden abfangen.

Jemand kommt ins Zimmer getrampelt. Sie flucht drüben vor Monitor vier. Ich schaue nicht auf, spüre aber, wie bei Gelsen im Wohnzimmer, eine Präsenz, die wahrgenommen werden möchte.

„Bitte verlassen Sie den Raum, wir übernehmen ab hier“, kommt es von der Tür. Ein sehr guter Witz, wirklich. Mein Sinn für Humor ist allerdings ein ziemlich anderer, und ich kann diese Szene hier gerade echt nicht gebrauchen. Vor meinen Augen wird von Sekunde zu Sekunde zu Sekunde alles schlimmer. Das sollte doch eigentlich gar nicht möglich sein. Niemals hätten wir so etwas geschrieben. Es schaut unwahrscheinlich schlecht aus. Ich weiß nicht, ob uns nicht irgendwer gerade entgegenarbeitet. Gefühlt wird das Loch immer größer, vollkommen egal, was ich mache.

Ein aufdringlicher Geruch steigt mir in die Nase, jemand stellt sich hinter mich, und wagt es, mir eine abstoßende, warme Hand auf die Schulter zu legen. Dass sie feucht ist, spüre ich sogar durch mein T-Shirt hindurch: „Wir verstehen, dass es nicht leicht sein muss für Sie, an diesem Punkt die Kontrolle abzugeben. Aber alles, was nun folgt, ist schon nicht mehr in Ihrer Verantwortung“, die Stimme ist widerlicher als die Hand.

Meine Entscheidung fällt in unter einer Sekunde, das kann ich am Monitor ablesen. Noch bevor 11:57:16 zu 11:57:17 wird, habe ich einen Entschluss gefasst. Backups hin oder her, es gibt einen sicheren Weg raus. Ganz raus. Wenn nicht wir, dann niemand.

Die Kombination ist so unfehlbar wie etwas sein kann, und sie ist krisensicher. Ich nehme den sich verstärkenden Druck auf meiner Schulter, die Nägel, die sich in meine Muskeln graben, nur als Antrieb wahr, das spornt mich an. Meine Finger lieben diesen Weg. Sie straucheln kein einziges Mal, das ist der einzige Tanz, der jemals wichtig war. Fast muss ich husten von dem übermütigen Glucksen, das in meinem Hals aufsteigt, tief unten, während ich zuschaue, wie der Bildschirm langsamer wird, bis man die einzelnen Pixel sehen kann, wie sich Farben von der linken und rechten unteren Ecke her ausbreiten, wie sie mehr und mehr Fläche einnehmen, wie die Zeichen zu straucheln scheinen, in der farbigen Masse, die ganz grell wird, und wie sie irgendwann aufgeben, sich schlucken lassen. Es erfüllt mich mit der allertiefsten Genugtuung. In einer weißen Explosion entlädt sich der Spuk, ich greife nach hinten, und verdrehe die schweißnasse Hand. Sie rutscht fast aus meiner.

Die Bildschirme werden unschuldig blau. Gedächtnislose Computer fahren neu hoch.

© Lena Moormann 2021-08-14

Comments

No comments yet.

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.