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Die Schwimmerin

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Die Schwimmerin | story.one

Zwischenzeit

„Herr Repinski?“ Der junge Mann räusperte sich und straffte die Schultern nach hinten, so wie immer, wenn er etwas Wichtiges zu verkünden hatte. Und das geschah in letzter Zeit ziemlich oft. Ein grünes Augenpaar blickte ihm entgegen. Bis auf das Ticken der Wanduhr war nichts zu hören. Der junge Mann drückte die Kreisbrille gegen den Nasenrücken. Seine blauen Augen wirkten dadurch optisch stark vergrößert und bildeten einen Kontrast zu dem schmalen Gesicht. Der junge Mann hüstelte.

„Nun, Sie wissen ja genau, dass ich es beizeiten mit den Mandeln hab. Chronische Entzündungen. Muss wohl am Immunsystem liegen.Oder an der scheußlichen Kälte in den letzten Wochen.Vielleicht ist es auch eine Kombination aus beiden.” Er zuckte mit den Schultern und zündete sich eine Zigarette an. Rauch waberte über die Lippen. “Eine weitere Option wäre noch mein hoher Nikotinkonsum. Sie kennen meine Vorlieben ja bereits. Oh, jetzt fällt's mir erst ein, da gäbe es ja noch Schlafmangel. Aber ob der in Verbindung mit meinen Mandeln steht, weiß niemand.“ Mit einer Handbewegung öffnete er ein Fenster neben sich und zogden Aschenbecher vom anderen Ende des Tisches heran. Dann warf er einen zufriedenen Blick auf sein Gegenüber. „Fest steht nur, dass er in Verbindung mit Ihnen steht, Herr Repinski. Und das ist gut so.“

Der junge Mann machte einen weiteren Zug an der Zigarette und beobachtete wie der Rauch in rotierenden Säulen an die Decke stieg. Ein wahrhaft schöner Anblick. Vorallem aber lenkte es ihn von dem Chaos neben seinen Füßen ab, denn dieser Anblick war weniger bezaubernd. Der Teppichboden war überflutet mit bemalten Notizblättern, braunen Teelöffeln und dazugehörigen Kaffeetassen, gedruckten Excel-Tabellen und offenen Cola-Dosen. Man konnte hinsehen, musste aber nicht.

So streckte sich der junge Mann auf dem Sofa aus und beobachtete die Glut der Zigarette. Ihr Abbrennen mischte sich mit den Farben der Dämmerung, die durch das Fenster brach. Ein tiefes lebendiges Orange. Er lehnte den Ellenbogen auf die Sofalehne und gähnte laut: „Aber ich kann mich nun mal nicht entscheiden. Was finden Sie passender für morgen? Den grünen Ledermantel oder doch die Übergangsjacke?“

Stille senkte sich über den Raum.

Sein Gegenüber schnalzte mit der Zunge.

„Herr Repinski? Nun ja, ich denke, Sie haben recht. Morgen wird es warm.“

© Lisa-Marie Lehner 2022-08-29

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