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#hilflosigkeit#sinndeslebens#depression

Das Kleid, das keiner haben will

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Sie sah sich selbst im Spiegel an. Sie betrachtete sich nicht darin und lie├č auch nicht ihren Blick an ihrer Gestalt auf- und abgleiten. Nein, sie sah sich selbst im Spiegel an.Sie achtete weder auf ihre Augenfarbe, noch auf ihre Figur. Kein pr├╝fender Blick glitt ├╝ber ihre Haut und kein zusammengekniffenes Augenpaar pickte sich jeden Makel heraus.Es passt nicht.Dachte sie zu sich selbst.Doch damit meinte sie kein Kleidungsst├╝ck, das sie am K├Ârper trug ÔÇô sie nahm nicht einmal bewusst wahr, was sie an diesem Tag angezogen hatte.Auch keine Frisur war damit gemeint, die sie sich neu zugelegt hatte und deren Kompatibilit├Ąt sie noch an sich selbst pr├╝fen musste.Es passt einfach nicht.Sie konnte nicht einmal mehr mit Gewissheit sagen, ob sie sich das Leben, das sie lebte, selbst ausgesucht hatte. Vielmehr hatte sie das Gef├╝hl, dass sie es sich selbst aufgezwungen hatte. Wie ein Kleid, das man auf Hochglanzfotos sieht und der Person, die es tr├Ągt, so unglaublich gut steht, dass man der Meinung ist, dies w├╝rde auch auf einen selbst zutreffen. Ein Kleid, das die umwerfende Ausstrahlung, die eine Person vor sich hertragen kann, so nachdr├╝cklich unterstreicht, dass man dem Irrglauben aufsitzt, allein durch den Erwerb des guten St├╝cks, ein kleines bisschen von dieser Wirkung auch auf sich selbst ├╝bertragen zu k├Ânnen.Aber es passt einfach nicht.Es zwickte und kratzte, schn├╝rte ihr manchmal sogar die Luft ab und sie rieb sich wund daran.Sie zog und zerrte daran, aus purer Verzweiflung. Doch dieses zwickende, kratzende, einengende Etwas hatte sich bereits so fest an ihre Haut geschmiegt, dass sie selbst gar nicht mehr wusste, wo es denn anfing und ihr eigener K├Ârper eigentlich aufh├Ârte.Sie f├╝rchtete sich.F├╝rchtete sich davor, es nie wieder loswerden zu k├Ânnen. Sie f├╝rchtete sich aber auch davor, dass sie es schaffen w├╝rde. Was war sie denn, ohne dieses zwickende, kratzende, einengende Etwas? Nackt und verwundbar, im besten Fall. Im schlechtesten Fall w├Ąre ihr es zur eigenen Haut geworden und lie├če sich nicht mehr entfernen ÔÇô und selbst wenn, w├╝rde sie dann einfach auseinanderfallen.Ihr Innerstes w├╝rde sich, buchst├Ąblich, nach au├čen kehren. Verletzlich und rot w├╝rde sie dann auf dem staubigen Boden liegen und jeder k├Ânnte sehen, was in ihr war.Blasen w├╝rde es schlagen und nach F├Ąulnis riechen.Sie w├╝rden zur├╝ckzucken und sich ekeln.Und erkennen, dass das, was sich in diesem zwickenden, kratzenden, einengenden Etwas befand, schon vor langer Zeit gestorben war.

┬ę Lysara 2021-08-16

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