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#ysa22

Nicole

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Nicole | story.one

Der Spiegel, der uns voneinander trennt, lässt mich imaginieren. Zeigt mir ein durch meine Gefühlswelt verzerrtes Bild von dir. Je nach Zustand, Befinden, je nachdem was ich gesagt, getan, ungesagt und nicht getan habe, schreiben sich meine Gedanken in der Wahrnehmung deiner Erscheinung nieder.

Gerade sehe ich deinen zu dicken Bauch, dein unförmiges Gesäß, die fahlen Gesichtszügen, schwarze Gruben unter deinen Augen und zwei Furchen zwischen deinen Brauen. Aus Reflex und Mitleid kneife ich die Lider zusammen, will dein erschöpftes Dasein nicht im Blickfeld haben. Die Schultern hochgezogen, um den schweren Kopf links und rechts vorm Fallen zu bewahren. Ich senke sie ab.

Richte mich auf. Lass’ die Luft zuerst den Bauch ausfüllen, danach die Rippen ausdehnen und zu guter Letzt im Brustraum verweilen. Ich schieße sie aus Bauch, Rippen und Brust hinaus in die Welt - beladen mit den zerrissenen Papierfliegern, die am Landeplatz darauf gewartet haben erneut abzuheben. In den Lüften zu kreisen. Die Welt von oben zu betrachten. Meine Perspektive folgt ihnen hinauf zu den Schwalben.

Ich schau hinab. Seh dich Drachensteigen Anfang Herbst. Und blühende Bäume inspizieren im Frühjahr. Kann den Wasserperlen des Sees beim Von-dir-Abstreifen folgen und den Glanz bewundern, den sie auf dir hinterlassen. Du starrst stundenlang dem Himmel entgegen, bloß um nichts Spannendes zu verpassen. Willst von den Schwalben das Fliegen lernen. Liegst da auf der goldgrünen Couch, lachst über Banalitäten oder träumst vor dich hin. Von großen oder kleinen Reisen. Von diesem Ort, den du Zuhause nennen würdest. Wenn es ihn nur außerhalb deiner Fantasie gäbe, diesen Ort. Ich weiß nicht, ob du ihn jemals finden wirst.

Ich lasse die Luft erneut den Bauch ausfüllen, danach die Rippen ausdehnen und zu guter Letzt im Brustraum verweilen. Wirbel die restlichen Papierflieger nochmal auf. Beim Ausatmen öffne ich meine goldgrünen Augen, schaue den Fliegern beim Aufsteigen zu. Verfolge sie auf ihrem Weg in den Himmel zu den Schwalben, irgendwann lassen sie den Drachen unter sich zurück. Troposphäre, Stratosphäre. Bis die zerrissenen Papierflieger aus meiner Brust letztendlich im Weltraum als Sternschnuppen verglühen.

Ich spreche einen Wunsch aus. Ich wünsche mir, dir eine Freundin sein zu können. Und du hörst ihn, während ich einer Träne beim Von-dir-Abstreifen zusehe. Sie bahnt sich ihren Weg aus dem goldgrünen Auge mit den zwei schwarzen Einschusslöchern in der Iris und lässt deine fahle Haut glänzen. Du lächelst. Dein Bauch und dein Gesäß spielen keine Rolle mehr für mich. Nur dein Herz, das die Welt umarmen möchte und sanft in meiner Brust schlägt.

© Nicole Linsbichler 2022-03-24

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