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#unterwegsmitfreunden

Blinder Spaß

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Blinder Spaß | story.one

Vor ein paar Jahren war ich mit zwei Freundinnen, Sandra und Judith, in Irland auf einem Kurzurlaub. Den ersten Abend verbrachten wir in einem kleinen Pub am Stadtrand von Dublin. Ein langer Bartresen schlängelte sich durch den dimm beleuchteten Raum. Die Wände waren halb mit dunklem Holz vertäfelt. Alles machte einen urigen und gemütlichen Eindruck. Es war Freitag und so fanden sich viele Leute hier, die ihr Feierabendbier genoßen.

Wir setzten uns an die Bar und probierten teuren Wiskey. Krampfhaft versuchten wir das Gesicht nicht zu verziehen. Dann packten wir die doppeldeutschen Schnapskarten aus und spielten auf dem klebrigen Tresen ein paar Bummerl. Während Sandra auf dem WC war, stellten wir ein Grimassenfoto als Hintergrundbild in ihrem Handy ein. Wir waren sehr unbeschwert und albern an diesem Abend. Sandra meinte etwas später zu Judith und mir, dass sie müde sei und deshalb ins Apartment zurückgehen wird. Uns kam das ein bisschen seltsam vor, da sie normalerweise am längsten blieb und man sie zur Sperrstunde aus dem Pub zerren musste. Es war ja erst 11:00 Uhr.

Die Gedanken waren aber schnell verschwunden, da wir schon von einem jungen Iren auf ein Bier eingeladen wurden, der uns seinen Akzent beibringen wollte. Mit benebelten Köpfen fielen wir Stunden später ins Bett.

Sandra ist schon am Frühstückstisch gesessen, als wir aufstanden. Ich fragte sie, wie es ihr geht - sie machte einen betrübten Eindruck. Ihre Antwort wurde aber durch Judith übertönt, die gerade in die Küche trottete und ein lautes Seufzen ausstieß. “Nie. wieder. Wiskey.” Abgelenkt erzählten wir Sandra aufgedreht von unseren Erlebnissen. Sie wurde stiller und stiller, während Judith und ich die Brüchstücke des Vorabends zusammensetzten.

“Ich geh mal spazieren, ich brauch grad ein bisschen Zeit für mich” unterbrach uns Sandra und ging sich die Schuhe anziehen. Judith und ich tauschten einen besorgten Blick aus. “Was ist los?”, fragte nun Judith und folgte ihr in den Flur. Da riss der Damm und Sandra fing an zu weinen. Sie und ihr Freund hatten einen großen Streit vor dem Abflug. Sie wollte unseren Spaß aber nicht stören, deshalb hatte sie nichts gesagt. Wir standen wie angewurzelt da, geschockt über den plötzlichen Stimmungswechsel. Mit trübem Blick schlug Sandra die Tür hinter sich zu und verschwand für eine halbe Stunde in die Stadt. Ein großes Gefühl von Scham überkam uns, weil wir mit unserer Freundin nicht achtsamer umgegangen waren. Wir hatten den Spaß vorangestellt. Die Situation wurde später am Tag noch ausgesprochen. Seitdem bauen wir in unsere Treffen aber immer Skalierungsfragen ein: "Wie geht es dir grad von eins bis zehn?" Eine Zahl als Antwort reicht, aber auch für eine Erklärung bleibt Raum. So kann man die anderen besser einschätzen und evtl. Rücksicht nehmen. Ich möchte keine FreundInnen nur für Spaß. Eine Freundschaft muss auch schwere Themen tragen können.

© Rafaela 2021-09-18

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