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Das Glück am Ende des Regenbogens

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Das Glück am Ende des Regenbogens | story.one

16:16 zeigt seine Uhr. Worüber denkst du nach, fragt er? Ich denke darüber nach, ob wir uns küssen sollten.

Aber so beginnt diese Geschichte ganz und gar nicht. Stattdessen ein grauer Novembertag. Wir beide auf einem Internetportal. Er schreibt mir, ich schreibe zurück. Wir unterhalten uns. Gespräche über Gott und die Welt, Gespräche, wie man sie sonst nicht so schnell im Internet findet. Wir verlegen den Chat auf Whatsapp.

Meine 1. goldene Regel beim Internetdaten ist, den Mann recht schnell zu treffen. Denn so spart man sich Enttäuschungen, so kann man den Reality Check machen. Daher vereinbaren wir ein Treffen für den 9. Dezember.

Aber dazu kommt es nicht, stattdessen kommt ein Lockdown. Wir verschieben das Treffen, jedoch wird kein neuer Termin vereinbart. Ich frage im Jänner, ich frage im Februar. Er schreibt mir zwar weiter, aber ich bekomme keine Antwort auf meine Frage. Ich frage mich, was ich falsch gemacht haben könnte. Ich sitze im Kaffeehaus mit einer Freundin und sage zu ihr, dass es wohl nichts werden würde mit ihm. Ich frage ihn, wieso er mir keine Antwort gibt. Er sagt, dass er gerade viel Stress hat und ein Treffen nicht möglich wäre.

Meine 2. goldene Regel beim Internetdaten ist, dass ich nicht ewig warte. Zumal ich eh sehr schlecht warten kann. Dennoch chatten wir weiter, ab März oder spätestens im April schreiben wir uns täglich.

Irgendwann vereinbaren wir ein Treffen im August. Ein Freund von mir macht mir keine Hoffnung, dass ich diesen Mann noch jemals kennenlernen würde. Doch nun ist etwas anders geworden. Ich weiß nicht was, aber plötzlich kann ich warten. Und ich bin mir sicher, dass wir uns treffen werden.

Wir steigen aus dem Auto am Parkplatz beim Cobenzl. Es ist nicht unser erstes Treffen, sondern bereits unser drittes. Wir wollen wandern gehen, und diesmal haben wir den ganzen Tag Zeit. Es regnet an diesem Tag fast gar nicht, das perfekte Wanderwetter. Wir gehen viel zu Fuß, und reden noch viel mehr. Es fühlt sich schön und vertraut an. Am Nachmittag kommen wir auf den Himmel zum Baumkreis. Der Regen hat aufgehört und der Himmel ist glasklar. Plötzlich erblicke ich einen wunderschönen Regenbogen, so breit wie ich ihn noch nie gesehen habe.

16:16 zeigt seine Uhr. Ich denke darüber nach, ihn zu küssen. Wir küssen uns. Oben am Himmel, über uns ein einzigartiger Regenbogen, vergessen wir Raum und Zeit.

Man sagt, dass das Glück am Ende des Regenbogens zu finden ist. Als wir uns voneinander lösen, ist der Regenbogen noch immer zu sehen. Regenbögen haben eigentlich gar keinen Anfang und gar kein Ende. Regenbögen sind Kreise, von denen wir immer nur ein Stück zu sehen bekommen. Mir gefällt das Bild vom Kreis. Und wir nehmen uns einfach ein Stück vom Glück. Mehr brauchen wir nicht.

© Sabine Doods 2022-09-26

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