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#kindheit#gewalt#einsamkeit

Gewaltkarriere

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Gewaltkarriere | story.one

Mama schreit mich schon wieder an. Ich soll doch endlich meine Schulsachen zusammenpacken und mich fertig machen. Aber ich will nicht in die Schule. Die Blicke, das Gefl├╝ster, das Schubsen. Und ich verstehe nicht einmal alles, was Sie ├╝ber mich sagen. Warum nimmt mich keiner wahr? Warum will keiner mit mir spielen? Warum f├╝hle ich mich traurig und schwach?

Fragen, die ich mir nicht beantworten kann. Die, die mir dabei helfen sollten, ignorieren mich. Machen Sie das mit Absicht? Papa, der wegen der Arbeit kaum da ist sagt mir, ich soll stark sein, so etwas macht mich erwachsen und h├Ąrter. Mama ist ├╝berfordert und wird immer laut. F├╝r meine gro├čen Br├╝der existiere ich nicht einmal. Niemand der mir die Welt erkl├Ąren kann, die Innere sowie die ├äu├čere.

Die Jahre vergehen und ich bin weiterhin blo├č ein Statist in meinem Leben. Ich habe gelernt, unsichtbar zu sein. Ich gehe fr├╝her von Zuhause los, um den lauten Stimmen zu entfliehen, und im Wald vor der Schule warte ich, bis alle drinnen sind. In der Pause sitze ich in meiner Ecke und hoffe, dass mich keiner wahrnimmt. Das geht meistens gut, solange ich meinen Kopf gesenkt halte und allen aus dem Weg gehe. Bis an dem Tag, der alles ver├Ąnderte.

Nach einer schlaflosen Nacht ├╝berh├Âre ich den Wecker und meine Mutter kommt w├╝tend in das Zimmer: ÔÇťIch sei nicht einmal in der Lage selbstst├Ąndig aufzustehen, wie soll ich je in der Lage sein, irgendetwas zu schaffen", schreit sie mich an. Ich ├╝berlege es erkl├Ąren zu wollen, dass ich nicht schlafen konnte wegen den immer wiederkehrenden Fragen und den Gef├╝hlen die sie verursachen. Stattdessen ist da etwas neues in mir, ein Gef├╝hl, dass ich noch nicht kannte: Wut. Bevor ich es ├╝berhaupt realisiere, stehe ich da und sie liegt am Boden. Was ist das? Diese Kraft. Dieses Selbstvertrauen. Ist das wovon Papa sprach? Ich blicke zu Mama und sehe einen Ausdruck, den ich von Ihr nicht kannte. Ist das Angst?

Vollkommen ├╝berfordert und im Rausch meiner Gef├╝hle packe ich meine Tasche und renne aus der Wohnung. Ich bin gleichzeitig verwirrt und voller Kraft. Zum ersten Mal habe ich reagiert, zum ersten Mal habe ich meine Gef├╝hle nicht ignoriert und zum ersten Mal hatte ich das letzte Wort. Vom Statisten zum Hauptdarsteller meines Lebens. Es f├╝hlt sich toll an.

Mit der neu gefundenen Kraft gehe ich zur Schule. ÔÇťHeute verstecke ich mich nicht!", sage ich zu mir. Bereits vor dem Eingang kommt ein ├Ąlterer Sch├╝ler zu mir, dem ich immer aus dem Weg gegangen bin. Nein, dieses mal nicht! Noch bevor er was sagt, renne ich mit Gebr├╝ll auf Ihn los. Sichtlich ├╝berrascht, sto├če ich Ihn zu Boden. Da liegt er, wie Mama heute morgen und mit dem gleichen Blick aber dieses mal, h├Âre ich nicht auf. Das Gef├╝hl ist toll, das Vertrauen, welches ich nie hatte, zu gro├č. Ein Damm, der in mir bricht.

Am Ende stehe ich da, l├Ąchelnd und bemerkte, wie alle mich anschauen. Ich habe einen Weg gefunden, die Fragen zu beantworten. Niemand ignoriert mich mehr. Niemand lacht mich mehr aus. Ich bin jemand den sie respektieren!

┬ę Sebastian K 2021-12-01

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