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#freundschaft#verlust#angst

Warten

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Warten | story.one

„Das Warten macht einen mürbe“, meint Nadja zu ihrer Freundin, die sie schon seit ihrer frühen Kindertage kannte. Sie war eine jener Freundinnen, die stets da waren, scheinbar völlig anspruchslos immer Zeit hatten und ganz generell der gleichen Meinung war. Maria war eine jener Freundinnen, deren Zeit man ohne Wertschätzung aufblasen und zerplatzen lassen konnte. Und genau das machte Nadja jetzt auch. Sie gab Maria das Gefühl gebraucht zu werden, besonders wichtig zu sein, denn nur ihr werde sie sich anvertrauen können. Die anderen wären doch gar nicht imstande das verstehen zu können, ja, nur Maria, ausschließlich sie könne begreifen, dass es nicht ihre Schuld gewesen sei, sondern die von Peter. „Du kennst Peter ja, er ist immer super beschäftigt mit seinen Fantastereien, meint wirklich, er werde mal Arzt werden und hat nur noch die Schule im Kopf. So ein Blödsinn, ich kenne Peter, er hat zwar gute Noten, doch außer stupides Auswendiglernen ist da nicht viel! Was kann ich denn dafür, wenn er mich nur noch links liegen lässt. Das war schließlich seine Entscheidung, er hat für uns beide entschieden, dass wir uns voneinander entfernen. Ich wollte das ja nicht.“ Nadja redet auf Maria ein, versucht ihr ein zustimmendes Ja zu entlocken, doch nicht geschieht. Maria sieht Nadja ungläubig an, offensichtlich verunsichert, wie sie sich verhalten soll. Die Luft ist zum Schneiden und Nadja platzt unversehens heraus: „Du siehst das doch genauso!“ Maria blickt verlegen zu Boden, stammelt nur: „Ja, natürlich, irgendwie schon, aber seine Mutter ist ja krank, sie brauchen dringend Geld, die Diagnose war doch für alle ein Schock. Er sucht wohl einfach eine Lösung.“ Nadja spürt die Wut in ihr aufsteigen, sie weiß genau, dass sie Mist gebaut hat, sie fühlt, dass sie sich nicht herausreden kann. Dieses Mal war sie zu weit gegangen. „Ja klar, das stimmt schon, aber ich kann nichts für die Krankheit seiner Mutter und es ist nun mal offensichtlich, dass er genauso mit Schuld trägt an dem, was passiert ist!“ Nadja hält es nicht mehr aus, sie nimmt einen Satz aus dem Bett, läuft zu ihrem kleinen rechteckigen Schreibtisch, den sie schon hat, seit sie 9 Jahre alt war. Sie hasst diesen Tisch, so wie alle ihre Möbel. Alles schreit nach Abverkauf, billiger Schrott. Den Tisch mit den abgerundeten Ecken und zwei kleinen Schubladen unterhalb der Tischplatte hat sie von ihrer älteren Schwester übernommen. Das Bett haben die Eltern auf einer Gebrauchtwarenseite gefunden, die Blumen-Sticker der Vorbesitzerin an den Bettpfosten inklusive. „Warum schreibt er nicht? Er hat die Nachricht gelesen, das sehe ich! Das ist nicht fair!“, jammert Nadja wieder.

© Laura Son 2021-08-14

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