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Selbstverständliche(e) Einsamkeit

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Selbstverständliche(e) Einsamkeit | story.one

Es ist ein Fluch. Es wurde mir vor 10 Jahren prophezeit. Du wirst nie mehr dieses erfüllte Leben vorfinden. Du wirst einsam und alleine sterben. Es werden sich alle von Dir abwenden. Ich höre diese Worte wieder so klar. Ich spüre wie die Luft immer dünner wird. Mein Atem wird schwerer. Die Gedanken düsterer. Panik steigt auf. Warum kam es so weit. Dachte, ich hätte mich stets bemüht ein guter und liebevoller Mensch zu sein. War das alles nur ein Trugbild? Habe ich mir das alles nur eingeredet? Wurde ich Zeit meines Lebens nur geduldet? Spüre wie mein Puls schneller wird. Spüre mein Herz bis zum Hals schlagen. Wieder diese Panik. Was soll ich nur tun? So ist das doch kein Leben mehr. Die Vorstellung eines Tages nur mehr alleine zu sein, allein herumzuirren, keine Ansprache mehr zu haben, keinen Rückhalt, keine Schulter mehr zum Anlehnen. Das macht mir Angst. Wie konnte es so weit kommen? Welchen Anteil an dieser so bedrückenden Situation habe ich. Welche Rolle spielten mir einst nahe stehende Menschen? Ohnmacht macht sich breit. Meine Atmung beginnt zu flattern. Mein Herz dröhnt. Bilder steigen auf. Aus dem innersten meiner Seele. Bilder der Kindheit. Der Jugend. Als junger Erwachsener. Als Vater. Als Opa. Ich glaube einen Lebensfaden zu erkennen. Mein Verlangen nach Anerkennung. Geliebt zu werden. Doch immer diese Bilder der Zurückweisung, der Geringschätzung. Des eben nicht Anerkennens. Was ich für gut erachte, als Leistung erachte, als Opferbereitschaft, oh nein. Bilde Dir darauf nichts ein. Wie oft hörte ich diese Phrase. Das ist selbstverständlich. Dass muss jeder ob in der Rolle des Sohn, des Papa oder Opa. Das ist selbstverständlich. Eigentlich eine herzlose Haltung. Was selbstverständlich ist, hat keinen Wert. Bedurfte keiner besonderen Leistung. Der Quell ist auch nicht die Liebe. Nein. Es ist selbstverständlich. Es ist einfach normal. Das tut jeder. Muss es tun. Darüber denkt man doch gar nicht nach. Das entbehrt doch jeglicher Erörterung. Vielleicht ist es so. Habe in meinem Leben wohl einiges nicht verstanden. Das Selbstverständliche habe ich als solches, immanent Wichtiges, nicht erkannt. Vor allem, ich habe es nicht verstanden. Was selbstverständlich ist, das wird einfach gemacht. Ohne Aufhebens. Ohne Erwartung auf einen Dank, ein Lächeln, eine spontane Umarmung, ein Augenzwinkern. Oh nein. Was selbstverständlich ist, ist einfach selbstverständlich. Es ist selbstredend. Es trägt in sich eine Art … ja … was eigentlich? Ziehe den Duden zurate. ‚selbstverständlich‘: aus sich verständlich und keiner besonderen Begründung bedürfend: z.B. eine selbstverständliche Hilfsbereitschaft. Duden geht sinngemäß noch weiter: im Sinne selbstverständlich = wie zu erwarten, erwartungsgemäß, auf jeden Fall. Ja, jetzt habe ich es kapiert. Jedenfalls was manche um nicht zu sagen viele Menschen unter diesem Terminus verstehen. Und mich hat es in meinem Unverständnis selbstverständlich in die Einsamkeit geführt.

© Walter Tiefenbacher 2021-08-18

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