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»La Tempesta di Mare« [Uraufführung]

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»La Tempesta di Mare« [Uraufführung] | story.one

Ein ganz eigener Atem, mit nichts vergleichbar: Theaterluft. Die Zuschauertribüne nachtdunkel, lediglich das schwache Licht, das ein Halbmond abstrahlen würde. Die Bühne leer, reinweiß der Boden, die Wände, die Decke. Einzig die Geräuschkulisse setzt sich in Szene: Das Meer spricht mit den Zuschauern, wütend, wild. Tosende Wellen brechen sich donnernd an Felsen, lassen sich wieder zurücksaugen in die Tiefe des Meeres, um erneut ihre Musik der Sintflut zu spielen. Darübergelegt, tobend, tollwütig der Sturm, in seinem unberechenbaren Temperament fegt er übers Meer, grollt an Land. Zikaden seufzen ihre eigene Sinfonie.

Atemstillstand beim Publikum, eine Welle des Erstaunens – für die Zuschauer beginnt die Aufführung mit der letzten, der 3. Szene. In virtueller Realität: Der Mond schaut mattherzig auf den Strand; auf den Mann, der im feuchten Sand sitzt und dem Hund hinterherschaut, den die Dunkelheit der Nacht verschluckt. Eine Stimme aus dem Off ›Wieso hat mich dieser M e n s c h verstanden?‹

Dann die 1. Szene. Mediterranes Flair – augmented reality pur auf der Bühne: Sonnenlicht fällt unruhig durch das Laubkleid einiger Kastanien. Durch zittriges Geäst heult wüstenwarme Luft, mit dem Sturm zieht sie weiter über die Köpfe der Zuschauer. Die kleine Piazza hält Siesta – mittendrin ein Brunnen, dem ebenfalls schlaftrunken Wasser aus Öffnungen seiner Säule enttropft. An brüchigen Hausfassaden, die den Platz umsäumen, rütteln unentwegt Böen an holzverwitterten Fensterläden.

Ein Mann betritt die Bühne, schlurft schwerfällig auf den Brunnen zu, legt sich am Mauerrand ab – ein Fremder. Segelschuhe; Cargohose, die Taschen prall gefüllt; ausgebleichtes T-Shirt; zerbeulter Strohhut, der auf seinem stoppelhaarigen Kopf auf halbmast hängt.

Plötzlich ertönen Geigen, aus dem offenen Fenster im 1. Stock eines der Häuser. Erst zaghaft, wie säuselnder Wind, dann immer stürmischer: Antonio Salieri, La Tempesta di Mare. Die Bögen ächzen über die Saiten, hineingerissen in die Strudel der stürmischen See.

Ein Knall, das Fenster schlägt zu, erschrocken springt der Fremde auf. Ein Rasta Dog trödelt melancholisch humpelnd auf ihn zu. In seinen hohlen Händen fängt der Mann Wassertropfen aus dem Brunnen, dankbar leckt der Hund das erfrischende Wasser.

2. Szene. Am Meer, wieder real projiziert: ein vom Sturm aufgescheuchter Strand; zwischen glattpolierten Felsen und aufgewühltem, grobkörnigem Sand eine zerfallene Fischerhütte. Hinten tobt das Meer, Wellen kommen und gehen – ein Tanz ohne Pause, keiner Melodie gehorchend, noch nicht mal der des Sturmes. Am Horizont lädt die Sonne zur Götterdämmerung ein.

Nacht legt sich über den Strand. Nahtlos geht das Bühnenbild erneut in die 3. Szene über: Der Mond schaut mattherzig auf den Strand; auf den Mann, der im feuchten Sand sitzt und dem Hund hinterherschaut, den die Dunkelheit des Gedankenmeeres verschluckt. Eine Stimme aus dem Off ›Wieso hat mich dieser H u n d verstanden?‹.

© Bernd Lange 2021-02-05

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