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#tod#krebs#mutter

Der Anfang vom Ende - Dezember 1984

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Der Anfang vom Ende - Dezember 1984 | story.one

Ich wollte unbedingt mit meinem Freund ins Kino. Es war vor Weihnachten und ich freute mich auf den Film. Meine Mutter war schon seit Tagen krank, hatte immer wieder Fieber und starken Husten. Mein Vater war verĂ€rgert - vor dem WeihnachtsgeschĂ€ft konnte man einfach nicht krank werden. Und wahrscheinlich war das Rauchen schuld - er meinte, meine Mutter sollte endlich zu rauchen aufhören. Sie hatte seit vielen Jahren (immer wieder) Krebs. Meine Mutter liebte ihre Zigaretten und den Kaffee dazu ĂŒber alles. So gab es immer wieder Ärger. Mein Vater war selber einmal starker Raucher, als er sich als Drogist in Wien 23 selbststĂ€ndig machte, gab er das Rauchen auf. Meine Mutter nicht. Mein Vater wurde zum militanten Nichtraucher, meine Mutter rauchte mit Leidenschaft und wahrscheinlich aus Protest weiter. So war der regelmĂ€ĂŸige Streit darĂŒber vorprogrammiert. Meine Mutter versuchte des Öfteren, mit dem Rauchen aufzuhören - manchmal rauchte sie dann auch heimlich - schnell beim offenen Fenster raus ...

Meine Mutter hustete und hustete - sie ging ins Badezimmer, weil sie glaubte, sich ĂŒbergeben zu mĂŒssen - und spuckte jede Menge Blut in die Badewanne. Sie meinte: 'Oh, da hab' ich meine Lunge jetzt wohl mit dem Husten ĂŒberanstrengt? Vielleicht sollten wir einmal ein Röntgenbild machen lassen. Was meinst Du, Michaela?' Ich sah das Blut in der Badewanne, ich sah ihren Gesichtsausdruck. Es lag offensichtlich auf der Hand. Und ich sagte trotzdem: 'Ja, wahrscheinlich hast Du einen ganz besonders hartnĂ€ckigen Husten. Aber ein Röntgenbild schadet ja nie. Wir machen einen Termin aus.' Ich ging zum Auto meines Freundes und stieg ein. Wir fuhren ins Kino nach Wien. Der Blick meiner Mutter verfolgte mich. In Wien angekommen, parkten wir in Hietzing. Ich ging ĂŒber die KennedybrĂŒcke. Die Sonne stand tief, der Wienfluß war unter mir. Ich sah in die Abendsonne und wusste - das war der Anfang vom Ende. Meine Mutter wĂŒrde mich brauchen. FĂŒr die letzten Tage ihres Lebens. Es war fĂŒr mich glasklar, es gab keine Fluchtmöglichkeit, keinen Ausweg. Der Krebs hatte die Lunge erreicht und somit die FĂŒhrung ĂŒbernommen. In den wenigen Minuten auf dieser BrĂŒcke war die Zukunft prĂ€sent und es gab kein Entrinnen, sondern nur die bewusste, unausweichliche Entscheidung, fĂŒr meine Mutter in ihrer letzten Lebensphase uneingeschrĂ€nkt und nach Maßgabe meiner Möglichkeiten da zu sein. Es gab einen bewussten, aber nicht frei gewĂ€hlten Auftrag fĂŒr mich - es mit ihr gemeinsam durchzustehen. Es war fast so, als hĂ€tte ich vom Ergebnis des Röntgens gewusst. Meine Mutter hatte mich geschickt - ich sollte den Befund abholen. Ich las ihn im Auto. Diagnose: Lungenkarzinom.

Die Frage, was die 'Corona-Zeit' fĂŒr mich bedeuten könnte, stellt sich gerade nicht - Loslassen ist immer ein guter Plan (hĂ€tte meine Mutter gesagt, wĂŒrde sie noch leben).

Meine Mutter starb am 13.11.1985 mit 55 Jahren. Todesursache: Lungenversagen durch Lungenkrebs

© Michaela Schmitz 2020-05-21

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