skip to main content

#1sommer1buch

Skippys erster Schultag

  • 199
Skippys erster Schultag | story.one

Wie es in so kleinen Gemeinden in Österreich üblich ist, besuchen alle am ersten Schultag pünktlich um 8:00 Uhr die Schulmesse, um vom Dorfpfarrer den kirchlichen Segen für das kommende Schuljahr zu empfangen. Doch bevor ich mit den Kindern, Lehrerinnen und Eltern in die altehrwürdige Kirche einziehen durfte, stellte mir die Direktorin Jonas, der die zweite Klasse wiederholen sollte, vor. Ich sollte mich in der Kirche neben den stets zu Faxen aufgelegten Burschen setzen und nicht aus den Augen lassen, damit der Priester ungestört die Messe lesen konnte. Natürlich kümmerte ich mich gleich um das lebhafte Schulkind und mit reichlich Einfühlungsvermögen gelang es mir, den Burschen im Zaum zu halten.

Nach der Schulmesse verbrachten alle Kinder noch eine Stunde mit ihren Klassenlehrerinnen im Klassenzimmer, danach wurden die meisten entlassen bis auf zwei Kinder aus der ersten und zwei aus der zweiten Klasse.

Die dunkelhaarige Nadine aus der ersten Klasse schloss ich gleich ins Herz, da sie mir von Anfang an ohne jegliche Scheu begegnete. Milan, ihr kleiner Schulkollege, musterte mich jedoch mit misstrauischen Blicken. Max, ein hübscher, blonder Schüler aus der zweiten Klasse, verstand sich mit Jonas, der die Klasse leider wiederholen musste, offensichtlich so gut, dass er sich in den noch kommenden Schulwochen immer wieder dazu verleiten ließ, bei jedem Schabernack dabei zu sein.

Diese vier Kinder sollte ich vom Erdgeschoss abholen und hinauf in unseren Gruppenraum in den ersten Stock bringen. Nadine, Max und Jonas wollten gleich mitgehen, aber Milan stand wie angewurzelt da und bewegte sich nicht vom Fleck. Ich wusste nicht, ob er der deutschen Sprache mächtig war, denn wenn ich ihn bat, mir die Hand zu geben, um gemeinsam die Stufen zum oberen Stock hinaufzusteigen, starrte er mich mit seinen dunklen Augen nur finster an und knurrte leise. Trotz gutem Zureden meinerseits war er nicht dazu zu bewegen, mich und die anderen Kinder die breite Treppe hinauf zum oberen Stockwerk zu begleiten.

Da kam mir, wie Wicki von den starken Männern, plötzlich eine zündende Idee! Obwohl es erst Anfang September war, war der Morgen schon recht kühl gewesen und ich trug über meinem T-Shirt eine dunkelblaue Sweatjacke. Diese Jacke hatte an der Vorderseite zwei geräumige, große Taschen, in denen man bequem beide Hände verstecken konnte.

Nachdem ich meine Hände darin verschwinden hatte lassen, tat ich so, als wäre ich ein Känguru und hüpfte stumm langsam die ersten Stufen der steinernen Treppe hinauf. Das gefiel dem kleinen Taferlklassler wohl so sehr, dass sich seine Mundwinkel endlich nach oben bogen und er es mir gleich tat und wie Skippy, das flinke Känguru, die ausgetretenen Steinstufen empor hopste.

Die anderen Schulkinder waren schon die Treppe hochgelaufen und sahen uns nun mit weit aufgerissen Augen zu, wie wir wie die australischen Beuteltiere eine Stufe nach der anderen hochhüpften. Skippy sei dank!

© Silvia Peiker 2020-09-06

Kommentare

Gehöre zu den Ersten, die die Geschichte kommentieren

Jede*r Autor*in freut sich über Feedback! Registriere dich kostenlos,
um einen Kommentar zu hinterlassen.