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#bergerlebnis

Schon mancher hat das Handtuch geworfen

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Schon mancher hat das Handtuch geworfen | story.one

Private Berghütten haben ihr ganz eigenes Flair sowie ihren besonderen Zauber. Davon konnte ich mich schon mehrfach selbst überzeugen. So verbrachte ich, als ich 11 Jahre alt war, mit zwei befreundeten Familien ein unvergessliches verlängertes Wochenende in Vorarlberg. Die Hütte lag knapp oberhalb von Raggal im Großen Walsertal.

Die eine Familie hatte vier Söhne, und einer davon, Uli, war in meinem Alter. Da ging es auch ganz schnell, dann waren wir beide gute Freunde. Wir gingen auf den Touren immer miteinander. Auf dem Gipfel plauderten wir als würden wir uns schon jahrelang kennen. Und auch bei den Hüttenabenden saßen wir meistens beieinander.

Einmal war es trotz des Hochgebirges abends noch lange sehr mild. Da spielten Uli und ich gegen einige andere Jungs von der einige 100 Meter entfernt liegen Nachbarhütte Fußball. Ich weiß es noch: Wir spielten barfuß, und das war ein schönes und auch interessantes Gefühl. Man konnte nicht so „draufhauen“, und es gab keine so wüsten Fouls, dafür aber ein umso besseres Ballgefühl.

Gegen später wurde an unserer Hütte in Feuer angezündet, und wir sangen die alten Lagerlieder: „Wir wollen zu Land ausfahren", “Hohe Tannen …“ und manches mehr. Noch später sagte jemand, wir könnten doch noch eine Runde Völkerball spielen. Dies war aber zunächst leichter gesagt als getan; die Völker konnten wir mit einiger Fantasie aufbringen. Aber mit dem Ball war es schwierig.

Doch Uli hatte die rettende Idee. Er nahm ein großes Badehandtuch und knotete es vielfach zusammen. Dadurch wurde es so kompakt, dass es -ebenfalls mit Fantasie- sogar als Ball durchgehen konnte. Als Spielfeld dienten mehrere große hingebreitete Decken; und dann ging es los; nach unseren selbsterfundenen Regeln. Weil wir kein abgeteiltes Feld hatten, gab es auch keine zwei Mannschaften. Darum war einer der Werfer, und wer abgetroffen war, musste ausscheiden. Der Letzte, der abgeworfen wurde, hatte die Runde gewonnen und durfte dann bei der nächsten das Handtuch werfen.

Die war kein Spiel, das nach ausgeklügelten oder gar hoch komplizierten Regeln gespielt wurde. Es war jedoch eine überaus spontane, nicht unbedingt wiederholbare, aber gerade deshalb ganz besondere Sache. Heute weiß ich nicht mehr, wie oft, wie intensiv und wie lange wir das Handtuch geworfen haben. Jedenfalls kann man tatsächlich auch immer wieder das Handtuch werfen, aber das bedeutet dann noch lange nicht “aufgeben”. Wir hatten hier auch nicht auf die Uhr geschaut. Aber irgendwann hatten wir an uns dran sogar schon rote Stellen, weil jeder von uns das Handtuch gefühlte 50-mal abbekommen hatte. Darum warfen wir dann am Schluss wirklich alle in des Wortes ursprünglicher Bedeutung das Handtuch.

Am nächsten Tag rundete eine Besteigung des Hohen Fraßen dieses Bergwochenende vollends ab. Und obwohl dieser Berg sehr anstrengend ist, hat unterwegs niemand das Handtuch geworfen; weder so noch so. Alle kamen vielmehr zum Gipfel mit seinem herrlichen Panorama.

© Thom 2021-05-04

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