Und schon wieder bringt mich meine Spontaneität in die Bredouille.
Anlässlich eines Meditationsseminars tut Standing Eagle laut in der Runde seine Verwunderung kund, warum er eine junge Frau mit vier vaterlosen Kindern geheiratet habe. Er, dreiundsiebzig, indigene Wurzeln, hatte Literatur studiert in Denver und ist Highschoolteacher in Pension, sie 41, norddeutsche Quantenphysikerin. Ich sage vorwitzig, ich wüsste es. „Why“? fragt er irritiert. „Because your Christian name is Joseph. Joseph the nourishing father“. Er ist verdutzt.
Eagle leitet Seminare und berät seine follower in allen Lebenslagen. Er ist sehr ruhig und sympathisch in seinen Vorträgen. Ich besuche mehrere Veranstaltungen von ihm und nehme an einer Langzeitstudie teil. Die junge Frau Eagles dolmetscht. Einmal ist sie nicht dabei wegen eines Krankheitsfalls in der Familie, wie gesagt wird. Ein Jurist aus unserer Gruppe übernimmt ihre Aufgabe. Das darauffolgende Seminar fällt aus.
Ein Jahr später ruft mich Eagle an, ob ich ihm nicht eine Wohnung in meiner Nähe suchen könnte, er möchte in südlichere, wärmere Gefilde ziehen. Das Ehepaar hatte sich getrennt. Ich gebe mich überrascht. Wohnung kann ich ihm keine besorgen, weil ich seine Bedingungen nicht kenne. Nach einigem Hin und Her, biete ich ihm aus langjähriger Wertschätzung an, einen Monat bei mir unterzukommen, damit er sich umsehen könne. Er willigt ein, und ich hole ihn mit all seiner Habe bei Freunden in München ab. Mein ausgehöhlter Golf ist bis unters Dach vollgefüllt. Unvorstellbares Unterfangen!
Kaum bei mir angelangt, belegt er nicht nur alle Nebenräume, sondern meine ganze Bleibe mit Lederkleidern und Kultgegenständen und mein Wohnzimmer mit seinem veralteten heulenden Computer, an dem er meistens arbeitet. Er kann nicht allein sein, und bleibt nie in seinem Zimmer.
Ich helfe ihm bei Bankangelegenheiten und Ärzten. Sein Status ist „American Citizen without Residenz“. Um sich Wohnungen anzusehen, mache ich ihn Öffis-fit. Er kommt aber immer mit „it is not encouraging“ zurück. Langsam dämmert mir, dass er bis Weihnachten oder länger bei mir bleiben will. Ich habe vier erwachsene Kinder mit Anhang und befürchte nun, keinen Platz für sie zu haben, wenn sie mich besuchen. Ich dränge ihn, sich mehr einzusetzen, er müsse bald ausziehen.
Kurz gesagt, es kommt, wie befürchtet. Er schläft nachts nicht und schleicht die ganze Zeit leise herum. Muss ich zur Toilette, begegne ich einem Rabenvogel im schwarzen Jogginganzug. Zum aus der Hautfahren! Es geht auch einiges in der Wohnung zu Bruch, ein Wasserschaden entsteht, weil er keinen Sachverstand hat. Ich setze ihm ein Ultimatum.
Letztendlich findet er einen jungen Tiroler, der ihn Mitte Jänner, nach dreieinhalb Monaten, mit Sack und Pack bei mir abholt.
Vielleicht glaubte Eagle, ich würde mich an ihn gewöhnen, denn ich hörte ihn allen Ernstes mit einer Verwandten in Colorado telefonieren: „I’m living with a doctor now“.