Auf dem Jakobsweg

von Klaus Rafenstein

„Bei uns gibt es doch auch so schöne Wanderwege. Warum musst du so weit weg fliegen, um zu pilgern?“ fragt mich Tante Anneliese vor meiner Abreise nach Spanien. Magnetismus in Worte zu fassen fĂ€llt oft schwer. Egal ob zu Menschen, zu Orten oder auch zu inneren Vorhaben. Wir pilgern los. 186 Kilometer bis Santiago.

Wie drei Dampflokomotiven spazieren wir durchs nasse Galizien, stets mit unserem Hauch ĂŒber den HĂ€uptern aufsteigend. Strömender Regen. Pilgern ist nicht immer ein Seelenleckerbissen. Oder doch? Wachstum hat in meinem Leben oft dann stattgefunden, wenn der Weg nicht von Zuckerstangen flankiert und in Honig einbalsamiert war. Wer ein Hochhaus baut, möge davor eine tiefe Grube graben. Auch die mĂ€chtige Welle zieht sich zurĂŒck, bevor sie mit voller Wucht gegen die Brandung schlĂ€gt.

In einem Bergdorf werfen wir der BĂ€uerin vier Euro in ihr Sparschwein und freuen uns ĂŒber zwei Tassen selbst gepflĂŒckter Himbeeren. Plaudernd spazieren wir durch Kuhfladen-verzierte Kopfsteinpflaster-Gassen. Moos an den WĂ€nden, die knorrigen BĂ€ume zwinkern uns zu. Leichtigkeit stellt sich ein. Das alkoholfreie Bier in den Tabernas lĂ€sst uns klar bleiben.

Als ich mich verirre, befrage ich Google Maps. Wie hat das der Heilige Jakob damals gemacht? Wer war sein Google Maps? Feldarbeiter? Der Sonnenstand? Der Große BĂ€r am Sternenhimmel?

Der Jakobsweg ist keine Reise im Außen. Am Abend lenke ich meinen Fokus vermehrt nach Innen. Jede Sehne fleht mich an: „Gib Ruhe! Geh nicht mehr auf’s WC! Bleib im Bett!“ Doch: Rehgenerationswunder Mensch! Am Morgen hĂŒpft der Bock stets wieder vergnĂŒgt ĂŒber den Camino.

Vorletzter Tag. „Viva Espana“ singt die junge Pilgergruppe lautstark am Platz vor dem Steinhaus. Die MĂ€dels verschicken mit ihren HĂ€nden noch KĂŒsse, bevor sie weiterpilgern. Russell gesellt sich zu mir an den Tisch vor dem Kiosk. Er lebt aus seinem Kinderwagen, den er vor sich herschiebt. Bei uns nennt man sie Obdachlose, hier nennt man sie Jojos. Jene, die am Camino hĂ€ngen geblieben sind. Sie bewandern ihn von Ost nach West, bis sie in Santiago sind. Dann kehren sie um, um den Weg zurĂŒckzugehen. Bis sie ihn wieder zurĂŒckgehen. Seit 2 Jahren ist er unterwegs. Er schlĂ€ft in den Wiesen und WĂ€ldern. Im Winter manchmal im Zelt. Er erzĂ€hlt mir von einer Frau die mit zwei Urnen unterwegs war. Sie ging bis Finisterre, ans Meer. Um dort die Asche ihrer Kinder auszuleeren. „Ich kenne keinen Namen mehr von den Menschen, die mir ihre Geschichten erzĂ€hlt haben“ gurgelt es mit tiefer Stimme aus ihm. „Aber ich kann mich an jedes Gesicht und an jeden Blick erinnern.“ Ich zahle meine Kirschen und mein GetrĂ€nk an der Kioskkassa. Das Wechselgeld schenke ich Russell. Er pfeift mir zum Dank einen Song. Zum Gitarre spielen ist es noch zu frĂŒh, meint er.

Ankunft in Santiago. Balsam fĂŒr die Pilgerseele. „Was ist deine Erkenntnis?“ werde ich am Ende der Reise gefragt. Wenn der Stein im Schuh des Lebens drĂŒckt, mach Pause. Zieh den Schuh aus. Entferne den Stein. Und wandere weiter. Buen Camino!

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