von Klaus Rafenstein
„Deine Cousins sind Zwillinge, ich kenn die. Die sind so gleich, Oida des is ur oarg. Die zwei schaun aus wie einer. Bruder und Bruder. Die kenn ich aus der Hauptschule. In Englisch waren wir zusammen. Wobei: Bei mir hot’s nix gnutzt.“
„Wo bist du her Ali?“
„Hainburg. Dort steht auch mein Elternhaus.“
Weil ich bis jetzt nur Geschichten von Papa gehört habe, frage ich ob auch Mama im Elternhaus wohnt. Verstörter Blick. „NatĂŒrlich. Sonst wĂŒrde es nicht Elternhaus heiĂen, sondern Mama- oder Papa-Haus. Die zwei sind halt noch von frĂŒher. Da hat Ehe noch geklappt. Da war verheiratet sein verheiratet sein, da hat das noch was geheissen.“
„Warum meinst du heutzutage nicht mehr?“
„FrĂŒher haben nur die MĂ€nner gemacht was sie wollten, da war alles gut. Jetzt machen auch die Frauen was sie wollen. Katastrophie. I sage dir Klaus: Das ist Tragödie! Und: Es gibt keine Vergebungen mehr. Keine Vergebung. Niemand vergibt. Wenn du frĂŒher deine Frau oweghaut host, dann hast du dich entschuldigt und alles war gut. Heute packt sie ihre Koffer und ist weg. Sie können nicht mehr verzeihen.“
„Dein Vater ist echt ein TĂŒchtiger, stimmt’s?“ versuche ich auf ein weniger verfĂ€ngliches Terrain zu wechseln.
„Mein Vater ist ein Viech. Wenn ich einen Tag mit ihm arbeite, brauch ich 3 Tage Urlaub. WĂŒrde ich jeden Tag so arbeiten wie er, dann hĂ€tte ich spĂ€testens nach einem halben Jahr ein Sexismus-Problem…“
„Was meinst du damit?“
„Damit ich antreten kann daheim brauch ich an Druck. Und wenn ich immer so arbeiten wĂŒrde, dann ist der ganze Druck weg, dann geht der Druck ins Arbeiten, dann bin ich leer. Wenn ich dann nach Hause komme, kannst du mich neben die Jacke auf den Haken hĂ€ngen.“
Wir halten vor der MĂŒlldeponie. Das Lieferauto ist voll mit Unrat, doch wir brauchen ein leeres Auto fĂŒr MĂ€hkantensteine und GrĂŒnschnitt. Verschlossene Einfahrt. Nur jeden zweiten Samstag geöffnet.
„Klaus, die Tia kriag I auf. Nur die Strafe zahlst du, ok?“
„Nein, wir fahren zur nĂ€chsten Deponie. Sag Ali, bist du verheiratet?“
„Ja! Und im JĂ€nner werd ich Papa!“ GlĂŒckliches Strahlen bis ĂŒber beide Ohren. „Corona-Baby. VĂŒ Zeit ghobt, vĂŒ Zhaus gwesn.“
„Aha“
„Meine Frau hat blonde Haare und blaue Augen, ur arg, wie ein Engel. Und trotzdem a Tiakin. Wenn I gwusst hĂ€tt, dass a Tiakin is, hĂ€tt is eh net angsprochen.“
„Wieso?“
„I mog kane Tiakn. Bei mir sicht ma sufurt, dass I ana bin. Oba bei ihr hĂ€tt I ma des nie docht. Aber egal. Ich fĂŒhle mich so gut aufgehoben, die schaut wirklich gut auf mi.“
Wir haben uns verfahren.
„Kennst du die Gegend hier nicht?“
„Wos moch I do?“
„Na zum Beispiel fussballspielen.“
„Hab ich eh, aber in Hainburg.“
„Und AuswĂ€rtsspiele?“
„Die Gegner sind immer zu uns gekommen. Und so lang war das nicht. Ich wollte immer im Sturm spielen. Aber der Trainer hat mich ins Tor gestellt. Das wollte ich nicht. Da war meine Karriere im Eimer. Hat nur 2 Monate gedauert.“ Melancholie schwingt in der Stimme mit. Der treuherzige Dackelblick lĂ€sst noch mehr Mitleid strömen. Irgendwie mag ich dich einfach!