von Klaus Rafenstein
Untypisch für Südkreta: Regen! Viel Regen! Manchmal sogar strömender Regen. Michaela und Carina wollen unbedingt wandern gehen, ich passe für heute. „Werde mir einen Wohlfühlplatz zum Schreiben und Lesen suchen…“ Mit diesen Worten mache mich auf die Suche. Der Regen wird intensiver, so nehme ich den nächsten Unterschlupf, eine schummrig beleuchtete Taverne. Beim Betreten sagt alles in mir „Das ist kein Wohlfühlplatz!“ Doch mein Ego im Innen gepaart mit dem strömenden Regen da draußen halten mich vom Tavernen-Verlassen ab.
Als ich mich setze beehrt mich Tavernen-Besitzerin Yoanna. „What’s your name?“ fragt sie mich. Als ich ihr meine Eselsbrücke zum Namenmerken „I am Klaus, like Santa Claus“ unterstrichen mit der Zipfelmützen-Handbewegung anbiete, setzt sie zu einem schallenden Lacher an. Aus ihrem weit geöffneten Mund blitzt es schwarz glitzernd, wie es sonst nur der Blick in ein Kohlebergwerk freigibt. Ich entwickle Mitleid mit Ihrem Zahnarzt, falls sie einen hat. Bei geschlossenen Augen würde ich glauben ein Date mit dem Malboro-Man persönlich zu haben. In diese Tiefen der Stimmlage hat es Pavarotti an seinen verkatertsten Tagen nicht geschafft.
Ich wähle beide Gerichte, die es hier gibt, ohne zu wissen, was ich bestelle. Der Hunger ist groß. Das Vertrauen in meine Darmflora ebenso. Dazu wünsche ich mir ein Glas Wein.
Der Deutsche Aussteiger und der nach Jahrzehnte-Stammgast aussehende Grieche hören schon seit meiner Ankunft schrille indische Musik. Nun drehen sie den Regler auf ganz laut, stehen in Wallebewegungen auf und beginnen zu tanzen. Eng umschlungen halten sie sich gegenseitig auf den Beinen. Yoanna’s Tochter sitzt apathisch in der Tavernenecke und gibt sich ihrem Beauty-Tag hin. Der Nagellack steht startbereit am Tisch, gleich neben dem Häferl. Noch ist sie beim Feilen. Interessanterweise feilt sie exakt über ihrem Cappuccino, die Späne ihrer Nagelspitzen freuen sich sichtlich über das warme Kaffeebad, während sie samtig weich auf die Crema hinunterfallen. Ich möchte sie höflich darauf hinweisen, doch ich merke sehr schnell, dass unsere Sprachkenntnisse keinen gemeinsamen Nenner finden. Weil ich auf den Kaffee gedeutet habe, glaubt sie, ich möge ihn probieren und hält ihn mir entgegen. Ich höre auf zu sprechen aus Angst vor dem drohenden Unheil.
Meine Speisen werden vor mir platziert, der Wein auch. Ein randvolles Viertel-Liter Glas Hauswein. Er hilft beim Verarbeiten der Erlebnisse. Michaela spaziert durchnässt bei der Tür herein, es war ihr sichtlich doch zu nass. „Das ist also dein Wohlfühlplatz?“ Ich sehe das Entsetzen in ihren Augen und bestelle zur Entschockung einen Liter Hauswein. Nachdem Yoanna uns auch diesen serviert hat, setzt sie sich zu ihrer Tochter in die Tavernenecke. Innerhalb weniger Momente legt sie ihren Kopf nach hinten in den Nacken und beginnt äußerst vertont zu schlafen. Ihre Tochter feilt sich gemütlich weiter einen Mehrspäner. Der Regen hat aufgehört, die griechische Sonne trocknet die Straße. Wir übersiedeln mit unseren Leckereien in den Gastgarten. Und fühlen uns weiter wohl. Der Hauswein hilft.