Brathering & Osterstrauß

von Klaus Rafenstein

Aus welchem Material ist das Hemd? Ich ernte einen entrüsteten Verkäufer-Blick: „Aus Cashmere, was sonst?“

Hier werden Putzlappen aus Cashmere gemacht. Und Hemden für österreichische Touristen.

Strand von Sylt ohne Fisch ist wie Prater ohne Stelze. “Brathering mit Hausfrauensauce, Bitte!” Der verachtende Blick von Koch Uwe erdrückt mich beinahe. „Junge, das kannst nicht machen! Den Brathering mit Hausfrauensauce versauen!“ Das “Junge” für einen graumelierten Mitvierziger lasse ich als Kompliment durchgehen. Sonst ist der Humor hier im Hohen Norden oft sehr trocken. Und platt. Doch jetzt amüsiere ich mich so richtig. Das Volk, das weiße Tennissocken zu Sandalen kombiniert, zu unserem weißen Gspritzten „Schorle“ sagt, mit der Nationaldress Abendessen geht und unser heiliges Schnitzerl mit schwarzer Sauce entwürdigt, meint tatsächlich, ich könne die Hausfrauensauce dem Brathering nicht antun? Ich genieße die Situationskomik. Und den Brathering. Er wehrt sich nicht. Weder gegen die Sauce noch gegen mich. Gemeinsam gehen wir weiter. Den Nachfisch holen wir uns im Cafe Wien.

Ich stapfe durch das mehlige Weiß, das hier die Küste säumt. Üppigst. Nur hie & da unterbrochen durch aufrichtig deutsche Grashalme, die sich dem frischen Ostwind beugen. Ich summe die Melodie von “Wind of Change” direkt in das Möwengeschrei. Nächster Stopp: Sansibar.

DAS Porsche-Eldorado! 911er so weit das Auge reicht. Wie Matchboxautos stehen sie Reifen an Reifen. In unterschiedlichsten Pastellfarben. Richtig gelesen: PASTELL! Der 911er! Die zu Eisen gewordene Testosteron-Legende. Röhrend & Qualmend. Hier in kastrierter Version. Wie, wenn die stolzen Besitzer ihre Männlichkeit im bunten Osterstrauß an den Rückspiegel gehängt hätten. Auf der Terrasse treffe ich auf die stolzen Bolidenfahrer. Die Dieter Bohlen Solariumbräune schreit mit dem weißen Camp David Pullover um die Wette. Der Veuve Clicquot am Gemeinschaftstisch wird von den glitzernden Sportwagenschlüsseln umzingelt und genießt das Eiswürfelbad im Champagnerkübel.

Ich kämpfe mich weiter durch die Dünen als das Handy plötzlich piepst. Die Dänische Telekom begrüßt mich in ihrem Netz. Ich schreite ohne Rückgruß voran. Es gibt Wichtigeres zu tun. Ein epochaler Moment naht. Auf der Holztafel steht klar, deutlich und strukturiert: “Hier ist der nördlichste Punkt Deutschlands.” Ich bin ergriffen, hole meine Bucketlist aus dem Rucksack, und mache einen grünen Haken unter diesen viel zu lange unerledigten Punkt. Sometimes Dreams come true!

Die Wanderung führt mich weiter zum Leuchtturm. Dich mag ich. Du stehst einfach nur entspannt in der Gegend rum und blinkst ruhig vor dich hin. Vielfacher Lebensretter. Und machst dabei einen auf Understatement. Irgendwie ziemlich undeutsch. Vielleicht haben sie dich genau deshalb rot weiß rot angemalt. Mit einem Hauch von Heimweh lehne ich mich an dich und genieße es, Sonne & Horizont bei ihrem abendlichen Kuss zuzusehen.

Hashtags: