»Ein gewisser Meister Orlan. Ein Menschenschmied. Hoch angesehen, angeblich ein Genie in Metallarbeiten.« Ihre Augen blitzten vor Ironie. »Aber warum sollte ein angesehener Schmied plötzlich unregelmäßige Lieferungen von seltenem Metall ordern – und das genau in den Wochen vor dem Diebstahl?«
Brimor blieb stehen. »Du denkst, er hat das Meisterwerk genommen, um es tatsächlich umzuschmelzen?«
»Ich denke«, erwiderte Lyriel kühl, »er will es zu seinem eigenen Meisterwerk machen.«
Die Werkstatt des Schmieds lag im Handwerkerviertel, nicht weit vom zentralen Platz. Schon von außen wirkte sie größer, prächtiger als die seiner Kollegen. Massive Türen aus Eichenholz, verziert mit Metallbeschlägen, die wie kleine Kunstwerke aussahen.
»Ein bisschen zu protzig für einen Handwerker«, stellte Brimor fest.
»Oder ein Mann, der bewundert werden will.«
Im Innern schlug ihnen Hitze entgegen. Der Ofen glühte, Eisenstangen lagen ordentlich gestapelt an der Wand, Hämmer und Zangen glänzten wie frisch geputzt. Meister Orlan selbst, ein hochgewachsener Mann mit breiten Schultern und grauem Bart, blickte von seiner Werkbank auf, als sie eintraten.
»Was führt zwei so … ungewöhnliche Besucher zu mir?« Seine Stimme war glatt wie geöltes Leder.
Lyriel neigte leicht den Kopf. »Wir interessieren uns für deine Arbeiten, Meister Orlan. Besonders für die … jüngsten Aufträge.«
Ein Schatten huschte über sein Gesicht, kaum sichtbar. »Meine Aufträge sind meine Angelegenheit.«
Brimor verschränkte die Arme. »Dann ist es vielleicht auch unsere Angelegenheit, wenn du mit gestohlenem Gut arbeitest.«
Die Luft knisterte. Orlans Hände spannten sich über der Werkbank, als müsse er sich zügeln. »Ihr wagt viel, Fremde. Solche Anschuldigungen …«
»… sind nur Anschuldigungen«, schnitt Lyriel ihm das Wort ab, »bis jemand Beweise findet.«
Brimors Blick fiel in diesem Moment auf einen halb verdeckten Tisch am Rand der Werkstatt. Darauf lag ein Stück Metall, das anders glänzte als gewöhnliches Eisen. Er trat näher – und sein Herz machte einen Sprung. Das war zwergische Schmiedekunst. Kein Zweifel.
»Das ist ein Splitter der Ahnen-Tafel!«, rief er.
Orlan zuckte zusammen. Für den Bruchteil einer Sekunde wich jede Maske aus seinem Gesicht – Schock, dann Wut.
Lyriel lächelte dünn. »Da ist er also, unser wahrer Verdächtiger.«
© Kreative-Schreibwelt 2025-12-19