Orlan griff nach einem Hammer, doch Lyriel war schneller. Ihr Dolch blitzte, und sie stellte sich zwischen ihn und Brimor. »Keine übereilten Bewegungen, Schmied. Wir könnten das Gildengericht einschalten.«
Doch Orlan lachte rau. »Glaubt ihr, man würde euch hören? Ein Zwerg, der gerade noch selbst unter Verdacht stand – und eine Söldnerin, die für Kupferstücke jede Seite wechselt?«
Brimors Gesicht färbte sich rot. »Ich habe meinen Namen nicht beschmutzt, damit so ein Möchtegern-Schmied unsere Werke stiehlt!«
Orlan trat zurück, die Augen funkelten. »Ihr werdet nie beweisen können, dass ich es war. Selbst wenn ihr etwas findet – die Gilde will Resultate, keine unbequemen Wahrheiten. Und ich habe bereits den Respekt, den ich brauche.«
»Das werden wir ja sehen«, knurrte Brimor.
Orlan packte plötzlich eine kleine Kiste vom Tisch, riss sie an sich und stürmte zur Hintertür. Lyriel fluchte. »Verdammt! Er rennt!«
»Hinterher!«, rief Brimor und polterte los, so schnell ihn seine Beine trugen.
—–
Der Ratssaal der Händlergilde war ein imposanter Ort. Hohe Säulen aus grauem Stein, Wände behangen mit Bannern der Zünfte und dazwischen lange Tafeln, auf denen Pergamente, Siegel und Schreibfedern lagen. Händler und Handwerker füllten den Saal, ihre Stimmen ein Gewirr aus Murmeln, Tuscheln und lautem Lachen.
Brimor fühlte, wie sich wieder der Magen verkrampfte. Er hasste Menschenmengen. Und doch stand er jetzt mittendrin, mit Lyriel an seiner Seite – und einem schwer atmenden Meister Orlan, den sie buchstäblich in den Saal gezerrt hatten. Der Schmied hatte sich bis zur letzten Minute gewehrt, aber Lyriel war erstaunlich geschickt darin gewesen, ihn mit nur einem Dolch und ihrem spöttischen Grinsen in Schach zu halten.
»Brimor Schattenfels«, hallte eine Stimme von der erhöhten Tribüne. Es war der Vorsitzende der Gilde, ein beleibter Mann mit ernster Miene. »Schon wieder Ihr? Ich dachte, Ihr hättet genug Ärger angerichtet. Nun stürmt Ihr auch noch unseren Saal mit bewaffneter Begleitung?«
Ein Raunen ging durch die Menge. Einige starrten auf den Zwerg, als hätten sie nur darauf gewartet, dass er wieder in Ungnade fiel.
Brimor ballte die Fäuste. Am liebsten hätte er alle angeschrien, doch Lyriel legte ihm kurz die Hand auf den Arm – kaum spürbar, aber warnend. »Ruhig«, flüsterte sie.
Dann trat sie selbst vor, mit einem Lächeln, das zugleich charmant und gefährlich wirkte. »Hochverehrte Gilde, wir sind nicht hier, um Euch zu beleidigen. Wir sind hier, um die Wahrheit zu enthüllen.«
© Kreative-Schreibwelt 2025-12-27