»Was für ein Meisterwerk?«, fragte Brimor laut, ohne recht zu überlegen.
Ein Dutzend Augen wandten sich ihm zu, als hätte er gerade zugegeben, den Diebstahl selbst begangen zu haben.
»Die Tafel der Ahnen«, erklärte ein älterer Zwerg mit entsetztem Gesichtsausdruck. »Ein Relikt aus den ersten Tagen unserer Bruderschaften. Gesichert, versiegelt – und nun einfach weg.«
Brimor schluckte. Er hatte Geschichten über die Tafel gehört – fein ziseliert, mit uralten Runen, ein Symbol zwergischer Handwerkskunst und Stolz.
»Und das verschwindet heute, just an dem Tag, an dem ein junger Zwerg aus den Schattenfelsen hier auftaucht?« Eine Stimme schnitt wie ein Messer durch den Tumult.
Es war Lyriel. Sie stand am Rand der Menge, die Arme verschränkt, und ihr Grinsen war verschwunden. Jetzt sah sie ernst aus – aber der Blick, den sie Brimor zuwarf, hatte etwas Prüfendes.
»Unsinn!«, fuhr Brimor auf. »Ich hab mit diesem Diebstahl nichts zu tun!«
»Sagt natürlich jeder«, rief einer der Gildenmänner. »Doch die Umstände sind auffällig. Ein Fremder, kaum eingetroffen, Zwerg dazu … und schon verschwindet eine zwergische Kostbarkeit.«
Brimors Wangen glühten. »Was soll das heißen? Dass ich’s gestohlen habe, nur weil ich den Bart dafür habe?«
Die Stadtwachen waren längst herbeigerufen. Zwei von ihnen traten an Brimor heran, die Hände an den Knäufen ihrer Schwerter.
»Wirst uns wohl besser begleiten, Freundchen«, sagte der eine, ein breitschultriger Mensch mit kalten Augen. »Zum Verhör.«
Brimor spannte die Schultern an. »Ich bin Händler, kein Dieb!«
»Dann hast du ja nichts zu verbergen«, knurrte der Wachmann.
Brimor hätte am liebsten laut aufgebrüllt. Aber er spürte auch die kalten Augen der Wachen im Nacken, die misstrauischen Blicke der Händler. Wenn er jetzt nicht etwas tat, war sein Name beschmutzt – und der seines Vaters gleich mit.
»Gut«, knurrte er schließlich, mit der Miene eines Zwerges, der gerade in eine viel zu enge Grube gefallen war.
© Kreative-Schreibwelt 2025-10-17