von Klaus Rafenstein
„Boa Vista, Mauritius oder Malediven – was meinen Sie Frau Drosos?“ lautete vor 2 Monaten die Frage an meine treue Reisebüro-Perle. „Was für eine Frage! Die Malediven sind für Sie doch wie heimkommen, oder?” Wie recht sie hatte! Spätestens beim zufriedenen Schaukeln am schneeweißen Sandstrand mit beruhigendem Brandungsrauschen im Ohr wird mir das klar. Der Blick baumelt vom türkis-blauen Horizont in die üppig grünen Palmkronen und wieder retour. Den Rhythmus bestimmt die Hängematte. Jetlag & Flugstrapazen schnorchle ich mir im lauwarmen Nass aus den Knochen. Das kristallklare Wasser gibt den Blick ungetrübt frei: Auf das Nichts! Abgestorbene Korallenreste im mehligen Sand. Gebleichte Unterwasserwüste. Fische sind Mangelware. „El-Niño“ nennen sie hier den Grund dafür. Dieser böse Kerl! Diese ungute warme Meeresströmung. Ja klar! Der Schuldige im Außen ist schnell gefunden. Viel einfacher als den Satz auszusprechen: “Wir alle sind El-Niño.”
Unsere Tauch-Guide-Dame heißt “Kushi”. Sympathisch, gutmütige zierliche und dunkel-gebräunte Gestalt. Ich mag sie auf Anhieb. Ich kann ihre Herkunft nicht wirklich zuordnen. Indisch? Mit süßem Kosenamen ausgestattet? Arabisch? Mit dem Wunschnamen des Vaters? Egal! Mit Kushi erforschen wir den Meeresgrund. Es geht vom türkisen Riffwasser ins tiefe Ozeanblau hinab. Das bunte Fischgeschillere kennt hier kein Ende. Die Heimat von Arielle und Nemo ist tatsächlich filmreif schön. In 18 Metern Tiefe ist die Welt in Ordnung. Zumindest die Unterwasserwelt. Am Abend genießen wir die glasklare Nacht und sortieren Gedanken. Rund um die Welt wird einmarschiert und aufgerüstet. Vollkommen unverständlich an diesem so friedlichen Ort unterm Sternenhimmel mitten im Indischen Ozean. Kanonenkugeln und Panzer statt Bildung und sozialer Gerechtigkeit. Wohin fließt das Geld nochmal? In Schwerindustrie und Hochöfen? Brennt der Planet nicht schon genug? El-Niño sagt Danke!
“Irgendwie sind mir die Malediven zu perfekt…” hat sich Julia unlängst mir gegenüber in einer Seminarpause geoutet. Ich verstehe, was sie meint. Wie wenn jedes Sandkorn bewusst in seine schönste Lage gebracht worden wäre, das Wasser künstlich eingefärbt und die Sonnenuntergänge vom Star-Regisseur inszeniert. Doch ich glaube, das meint Julia nicht. Eher: Wo ist das schmuddelige Dorfbeisl? Wo ist das echte Insel-Leben? Das Unperfekte wird hinter unserem Rücken bzw. nachts erledigt. Da holen die Müllboote unsere Plastikberge samt üppiger Buffet-Essens-Reste und ab geht’s damit zur Müllinsel. Das Müllfeuer dort speist die Elektroturbinen, und über die Meeresgrundleitung bekommen wir unseren Dreck als Strom retour geliefert und freuen uns, wenn die Glühbirne brennt. Das Weißglas wird nicht entsorgt – es wird nächtens ganz fein gemahlen und in den Strandsand eingearbeitet, möge das Wassertürkis noch türkiser strahlen.
Die Mango-Vibes & Kokosnuss-Beats von der Fisherman’s Beach Hut schwingen herüber in unsere Hängematten, Zeit für den Afternoon-Drink. Auf warmes Wasser haben wir keine Lust, und so überspringen wir den El-Niño in der Cocktailkarte. Es wird ein Mojito, Dank der Fastenzeit zu Hause ist er virgin.