Das Afrikanische Rennen

von Klaus Rafenstein

„Highway to Hell“ dröhnt aus den Boxen. Zwei Helikopter steigen auf, die festgegurteten Kameraleute lehnen sich aus den offenen SeitentĂĽren. Adrenalin durchflutet unsere Körper. Das Scherzen, um die Nervosität zu ĂĽberspielen, verebbt. Fokus! Ein Jahr der Entbehrung geht zu Ende. Genug trainiert? Auf die richtige Ernährung gesetzt? Reicht die Kondition fĂĽr 8 Tage Dauerbelastung? Wir sind kurz davor, die Antworten zu erhalten. ABSA Cape Epic, das magische afrikanische Rennen. Der Iron Man der Mountainbike Szene. Startschuss! Es geht los. Hunderte Rennschuhe klicken in die Pedale und das groĂźe Kurbeln beginnt. Wir passieren verwunschene Dörfer. Die Kinder in ihren Schuluniformen drängen sich am Streckenrand, um von ihren Idolen ein „Gimme Five“ zu erhalten. Ihre Zeichnungen mit all den unterschiedlichen Landes-Flaggen berĂĽhren mich. Physisch beim Vorbeifahren, innerlich beim Erblicken, mit welcher Hingabe sie gemalt wurden. Das Rennen entwickelt sich zu einem Kampf gegen den eigenen Geist. „Warum sind wir um das horrende Startgeld nicht auf die Malediven geflogen und lassen uns dort nun die Sonne auf den Bauch scheinen?“, frage ich mich, als ich schweiĂźverklebt Painkiller gegen mein beleidigtes Knie einwerfe. Mit dem Blick auf die Instrumente vor uns lenke ich mich von den Strapatzen ab. Puls? OK! Zeitreserve? Schaffbar! Bis jetzt. Es muss schnell gehen. Die mĂĽhevoll ĂĽberholten Mitradler zischen in der afrikanischen Bruthitze an uns vorbei und hĂĽllen uns in eine zarte Staubwolke. Der Dorn im Reifen tut weh. Ich gebe Thomas den Ersatzschlauch und bin dankbar fĂĽr sein Geschick. In Sekundenschnelle hat er den Schlauch gewechselt und setzt an, ihn aufzupumpen. Er lässt die Pumpe fallen. Verdatterung in seinen Händen. „Was ist das fĂĽr ein Ventil?“ fragt er mich aus der Froschhocke schräg nach oben schauend. „Ein Autoventil, warum?“ antworte ich zögerlich. Er steht auf und die Verdatterung ĂĽbersiedelt von den Händen in sein Gesicht. „Warum ein Autoventil?“ „Na wenn ich in Wien zur Tankstelle fahre, dann pumpe ich stets mit der Auto-Pumpe meinen Radreifen auf und…“ Ich traue mich nicht weiterzusprechen. Sein Blick schmerzt mehr als der Dorn im Reifen. Thomas dreht seinen Kopf samt verstaubtem Helm einmal nach links, einmal nach rechts. Er studiert die Prärie von SĂĽdafrika, versucht sich zu sammeln und trotzdem platzt es cholerisch aus ihm: „Sixt du do irgendwo a Tankstöhhhhhh?“ Wir lassen unseren Ventil-Disput nach getaner Arbeit im Staube Afrika’s zurĂĽck und schwingen uns nach dem Boxenstopp auf unsere Carbonteile. 12 Minuten vor Ende der Zeitnehmung durchqueren wir die Ziellinie. Europe’s „Final Countdown“ rockt durch den Zielraum. Geschafft. Tränen flieĂźen. Ein Cuvee aus Erschöpfung und Freude. Wir fallen vom Rad und unsere Teamkollegen fangen uns auf. Das Knie pocht. Der Hintern gleicht dem eines Pavian’s. Dennoch: Erleichterung. Sportlicher Orgasmus. Besser als Malediven.

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