Das Höhlenprojekt

Fremde

von Fremde

Story

Für uns musste Freizeit immer in irgendeinem Abenteuer enden. Als Mein Bruder, meine Cousine, mein Cousin und ich ungefähr sechs bis acht Jahre alt waren, hatten wir wieder einmal eine brillante Idee. Die Aufregung war groß beim bloßen Gedanken daran. Wir würden uns ein Höhlensystem graben. Jeder von uns sollte dort eine eigene Höhle haben, die alle miteinander verbunden sein müssten.

Da gab es einen versteckten Platz in unserem Garten, der von einem großen Schuppen verdeckt wurde. Das ganze Jahr betrat diesen Teil des Grundstückes niemand. Dieser Ort wurde zum idealen Höhlengrabungsgebiet erklärt. In der Mitte stand ein alter Kirschbaum, den ich oft erkletterte, wenn ich alleine sein wollte. Die Höhlen passten meiner Meinung nach sehr gut hier her.

Wir brauchten gutes Werkzeug. Ein Spaten, eine Schaufel, eine Hacke und ein Schubkarren waren schnell gefunden. Wir verschwanden. Unsere Eltern arbeiteten in ihrer Wäscherei auf unserem Grundstück und kümmerten sich unter Tags wenig um uns. Man war froh, wenn wir uns selbst beschäftigten. Wir wussten, dass sich einer von uns immer wieder im Garten sehen lassen musste, um nicht auffällig zu werden.

Jetzt ging es mit voller Begeisterung los. Wir hackten, wir stocherten, wir gruben, wir kratzten, aber wir bemerkten schnell, dass das Projekt in dieser Version nicht so leicht zu verwirklichen war. Der Plan musste geändert werden. Wir beschlossen, dass es einfacher wäre, nur Löcher zu graben und diese dann mit Brettern und Erde abzudecken.

An diesem Projekt wurde jetzt Tag, für Tag, für Tag gearbeitet. Wir hatten ein großes Durchhaltevermögen. Jede freie Minute verschwanden wir im Garten. Niemand bemerkte etwas. Irgendwann waren die Löcher groß genug. Wir konnten sie wie geplant mit Brettern und Erde abdecken und somit unsichtbar machen. Wir waren stolz auf unser Werk und setzten uns in unsere Höhlen. Aber was jetzt?

Jetzt wollten wir etwas Großes in Angriff nehmen. Jetzt wussten wir, wie es geht.

Da war sie, die geniale Idee. Eine wirkliche Höhle ist weiter unter der Erde. Wir aber hatten nur abgedeckte Löcher. Wie wäre es, wenn wir in unserem Keller beginnen zu graben? Wir könnten dort ein Loch in die Wand schlagen und von da aus einen Stollen graben. Wir wären schon tief unter der Erde und würden uns somit viel Grabungsarbeit sparen. Aber dazu sind mehr Helfer notwendig. Unsere Freunde und Freundinnen wurden aktiviert und für die Idee begeistert. Mehrere Stemmeisen und Hammer wurden gefunden und ein Kübel, um den Schutt nach oben zu transportieren. Wir starteten. Wir hämmerten und hämmerten und hämmerten. Es passierte nicht wirklich etwas. Wir versuchten es noch ein paar Tage lang, wir wechselten uns ständig ab, um bei Kräften zu bleiben. Es nützte alles nichts. Mehr als ein paar Zentimeter konnten wir nicht in die Betonmauer eindringen. Die Enttäuschung war groß. Sie war riesengroß. Wie konnte solch eine geniale Idee so kläglich scheitern?

© Fremde 2021-03-05

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