von Klaus Rafenstein
Mein Vorstellungsvermögen kann es oft nicht fassen, was dieser Umstand bedeuten muss. Pflegerin. 24 Stunden Betreuung. Exkremente von wildfremden Menschen entfernen. Urinflasche anhalten. Putzen. Waschen von alten gebrechlichen Leuten. Jede Körperstelle. Erbrochenes wegrĂ€umen. GerĂŒche ertragen. Fern der Heimat. Der Sprache kaum mĂ€chtig. In einem fremden Land. Im Haushalt einer fremden Familie, doch nicht als Gast, sondern als Arbeitskraft. Das Gehalt zu knapp an der Mindestsicherung, so dass niemand in dem fremden Land diesen Job machen wĂŒrde. Mit Minibussen werdet ihr hunderte von Kilometern weit mehr als 12 Stunden am StĂŒck durch halb Europa gekarrt, um gleich nach der Ankunft, statt auszuruhen, eure beinharte Verpflichtung anzutreten. Keine Sozialkontakte. Wenn die beste Freundin den runden Geburtstag feiert: Du bist nicht dabei. Wenn das Herz schmerzt oder die Seele brennt: Das GesprĂ€ch mit den Liebsten geht nur ĂŒber Telefon oder WhatsApp.
Wenn wir Weihnachten feiern, dann mit dir. Doch fĂŒr dich heiĂt das: Fern der Heimat ohne deine Familie. Alle fĂŒnf Wochen fĂ€hrst du, um nach fĂŒnf Wochen wieder zu kommen. Strahlend. Dich freuend. Echtes Freuen. Vorgestern hast du mir sogar ein Geschenk aus RumĂ€nien mitgebracht. „Mir ist aufgefallen, das fehlt noch in deinem Haus.“ hast du mit deinem herzlichen LĂ€cheln im Gesicht gesagt, als du mir freudig mein Mitbringsel ĂŒberreicht hast. Ein Kreuz zum Aufstellen. Wie einen Bilderrahmen. Mit weisen Worten darauf. Passt optisch ĂŒberhaupt nicht in mein Haus. Doch es war mir sofort klar, dass ich es behalten und aufstellen werde. Um dir die gebĂŒhrende Ehre zu erweisen und es als Reminder fĂŒr deinen tollen Spirit um mich zu haben.
Mama ist im Spital und nun schupfst du den kompletten elterlichen Haushalt. Du lĂ€dst mich zu Kaffee und Kuchen auf die Terrasse ein. Wie ich den Kaffee gerne trinke, weiĂt du. Fragen ist ĂŒberflĂŒssig. Als du ihn kredenzt, sehe ich etwas Weisses unter der Tasse. Als ich die Tasse anhebe, wird mir an diesem strahlenden Sommertag auch innerlich warm. Aus der KĂŒchenrolle hast du mit der Schere ein Herz geschnitten. FĂŒr mich. Und auch fĂŒr Papa.
Stolz, mit Glanz in deinen Augen und einem warmherzigen LĂ€cheln im Gesicht, sagst du zu uns: „Habe ich fĂŒr euch gemacht. Weil ich euch so mag.“
Ich bin gerĂŒhrt und sprachlos zugleich. Wir umarmen uns und es fĂŒhlt sich alles andere als fremd an. Danke, dass du dich so herzlich um meinen Papa kĂŒmmerst Daniela!