Der Deutsche & Ich

von Klaus Rafenstein

6 Russinnen fordern uns um Mitternacht beim Hütchenspiel heraus. Der Wetteinsatz: „Jumping into the Pool. With Clothes!“ Wir schauen uns verdutzt an. Als wir um 1 Uhr ihre Smartphones absammeln, um sie vor den Fluten zu schützen, sind wir bereits eng zusammengeschmolzen. Stolz in unserer Aura. Der Sieg hat uns geeint. Wie kudernde Quallen treiben sie in ihren wallenden Gewändern durch die ägyptische Nacht in der blau beleuchteten Pool-Landschaft. Wir feiern den Triumph gebührend. Alles, was hochprozentig ist, rinnt die Kehle talwärts. Die Tänze werden wilder und ausgelassener. Als sich der auftrainierte Club-Animateur im Damenparfum zu mir setzt und mir zu meiner Tanzeinlage gratuliert, bekomme ich Angst. Ich gehe schlafen. Alleine. Am nächsten Morgen verdammt mich mein Hütchen-Partner. Beim Frühstück darf ich dem Sonnenbrillenträger den Kaffee bringen. Die Wiedergutmachung fürs Einwascheln letzte Nacht. Ich versuche ihm dieses Wort zu erklären und scheitere kläglich daran. Siegurt aus Deutschland. Ein echter Deutscher. Aufrichtig. Blond. Überlegt. Jeder Teil des Tages braucht ein Programm. Agenda ist dein zweiter Name. „Reist du gerne alleine?“ fragt er mich überraschend. Ich denke über die Frage nach, während ich versuche die rohen Zwiebelringe schön säuberlich über die extra schoafn Pfefferoni zu stülpen, bevor ich sie in Knoblauchsauce tunke. „Ja, aus zwei Gründen. Erstens atmet mir niemand den süßen Geruchsmix aus Zwiebeln & Cuba-Libre in der Früh aus dem Zimmer. Und zweitens hätte ich dich sonst nicht kennengelernt.“ Die Ironie schafft es leider nicht bis zu ihm und verebbt am Weg. Das Resultat ist ein beschämend geschmeicheltes Lächeln in seinem Gesicht. Am Nachmittag tritt der zerlegte Animateur im Damenparfum vor unsere Liegen und hüllt sie in fröstelnden Kernschatten. Von ihm erfahre ich, dass ich zum Karaoke-Abend angemeldet wurde. Siggi hat sich also gerächt. Er spürt mein Schweigen und den Unmut in mir. Hilfsbereit versucht er einzuspringen: „Mensch, dann singen wir halt gemeinsam dieses I am from Austria!“ Er versteht meinen Blick sofort und zieht seinen Vorschlag postwendend zurück. „Den erziag I ma no! Sonst landet er auch im Pool. Ohne Smartphone Abnahme davor.“ streift es durch meinen Kopf. Ich frage ihn, woher er denn überhaupt den Song kennt? Er arbeitet auf einer Hütte in Tirol. Da is grad recht wenig los. Er ist jetzt in der siebenten Woche hier. All Inclusive. Sieht eher aus wie achtes Monat. Im griechischen Lokal bekommen wir endlich wieder Wein in Gläsern statt in Pappbechern serviert. Allerdings mit Plastik-Strohhalmen. Ich finde das verstörend. Er nicht. „Klaus, ich fühle mich nicht gut. Ich glaube ich habe einen Sonnenstich.“ „Glaubst du, dass es wirklich nur die Sonne ist?“ Er meint ja. Er hat’s nicht gecheckt. Ironie die nicht verstanden wird, schmerzt. Genauso wie die Karaoke-Anmeldung. Und so gehe ich zur Rezeption und melde ihn zum Bauchtanz-Abend an.

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