von Klaus Rafenstein
âA really comfortable walkâ steht in der InfobroschĂŒre. 4 Wörter, die der Hubschrauber-Bergungsfirma womöglich viel Marketinggeld gekostet haben, stelle ich erschöpft am Gipfel fest. Doch alles der Reihe nach. Nur im mehlig-weiĂen Sand wie ein Pariser Schnitzerl wutzeln ist mir zu wenig. Ich suche die Herausforderung. Nicht irgendeine. Le Morne Brabant. Der Berg der Berge. Das Postkastenmotiv, das die Silhouette von Mauritius prĂ€gt. âSchick mir ein Foto wennst oben bist. Hab damals meinen Honeymoon im Polo & Cashmere Resort am FuĂe des Bergs verbracht. Wie er vom Zimmer aus aussieht, weiĂ ich.“ gibt mir Marcus via WhatsApp als Aufgabe mit.
Beim Einstieg in den âreally comfortable trail“ muss ich mich in das Trailbuch eintragen. Damit die Hubschrauberfirma am Abend weiĂ, ob auch alle SchĂ€fchen zurĂŒck im Trockenen sind, oder obs noch welche kostspielig aus der Wand zu fliegen gibt.
âĂberleg dir das gut, ob du dir das wirklich antun willst!â warnt mich Jens, der ĂŒbermĂŒdet weiter talwĂ€rts stolpert, nachdem er sich auf ein kurzes SchwĂ€tzchen eingelassen hat. Bei uns daheim wĂ€r das ein C/D Klettersteig mit Sicherung & Helmpflicht. Hier keines von beiden. Halbschuhtouristen so weit das Auge reicht. Mein GepĂ€ck fĂ€llt unter die Kategorie „Plastiksackerl Deluxe“. Der Local Guide, der seine verschreckte Gruppe talwĂ€rts lotst, sieht mich resignierend an.
Die Waden & Schenkel brennen und beginnen zu qualmen.
âOnly 3 more minutes to the topâ lĂ€chelt mich die entgegenkommende argentinisch anmutende Schönheit an. âThey can be life-changingâ schieĂt sie sĂŒffisant nach. Die Lebensversicherung jetzt aufzudoppeln ist zu spĂ€t.
On the Top. Schmerz vergeht. Stolz bleibt. Palmensaum und Meerestraum. Von oben. Der Ausblick entschĂ€digt. Die Chinesengruppe schmiegt sich zitternd und zusammengekauert ans Gipfelkreuz. TrĂ€nen flieĂen, ob aus Freude, Erschöpfung oder Angst kann ich nicht ausmachen. FĂŒr den Selfiestick und den Auslöser reicht die Kraft dann aber doch noch.
Mein Freund Markus mit âkâ aus der ElektrizitĂ€tswirtschaft hat mir mal erklĂ€rt: âEin AKW zu bauen kostet 1. Es rĂŒckzubauen und stillzulegen kostet 1.000. Das ist der Grund, warum die LĂ€nder nicht aus der Atomenergie aussteigen wollen.â
Das VerhĂ€ltnis zwischen Aufstieg und Abstieg fĂŒhlt sich fĂŒr mich Ă€hnlich an. Erst beim Runter wird mir die BrutalitĂ€t des Aufstiegs bewusst. Drei Franzosen in blauen Nationaldressen, die sich nicht mehr absteigen trauen, holpern auf ihrem Po in einer Staubwolke talwĂ€rts. Kreuzband duck dich! Ich rufe ihnen zu: âAllez les Bleus!â âLes Bleus, Les Bleusâ schallt es todesmutig zurĂŒck.
Mit groĂer Erleichterung trage ich mich im Tal aus der Trail-Liste aus. Heli, nein Danke! Mission completed. Noch 8 Tage Inseldasein. Eigentlich finde ich das Wutzeln im weiĂen Sand gar nicht so ĂŒbel. Und auch die Weihnachtslieder aus den Beachbar-Boxen stören mich plötzlich nicht mehr so.