Der Mann mit dem Hut III

Jannik Becker

von Jannik Becker

Story

Bis zum 1. Januar 2000 verschwendete ich keinen Gedanken mehr an den Mann mit dem Hut. Es war fast, als ob er selbst langsam zu einer blasser werdenden Vorstellung verkam – eine Idee, geboren aus der Fantasie eines Kindes. So versuchte ich, ihn abzutun, ihn zu vergessen. Doch in jener Nacht, nach einer langen, ausufernden Silvesterfeier, als ich leicht angetrunken und allein durch die dunklen Straßen ging, schlich sich ein Gefühl zurück. Ein Gefühl, das ich nur zu gut kannte: Beobachtet zu werden. Mit jedem Schritt, den ich machte, verstärkte sich das unangenehme Kribbeln in meinem Nacken, bis es schließlich unerträglich wurde. Ich begann schneller zu gehen, dann zu rennen, gehetzt, bis ich endlich vor meiner kleinen Wohnung in Pfahlhof stand. Die Kälte der Nacht biss in meine Haut, doch ich spürte sie kaum, so stark war das Bedürfnis zu fliehen, zu schreien, zu entkommen. Doch als ich sah, dass die Haustür meiner Wohnung aufgebrochen war, erstarrte ich. Meine Füße schienen am Boden festgewachsen, mein Herzschlag hämmerte so laut, dass es mir vorkam, als würde die Luft selbst erbeben. Die Nacht war still, aber die Stille fühlte sich faulig an, fast greifbar, wie ein schlechter Geruch, der die Atemluft vergiftete. Es dauerte eine Ewigkeit, bis das Gefühl in meine Beine zurückkehrte. Ich schlich um das Haus herum, mein Atem flach, jeder Schritt ein Kampf gegen das Zittern in meinem Körper. Die Mieter der oberen Wohnung waren nicht da – sie besuchten über Silvester ihre Familie. Auch das ganze Dorf schien fort zu sein, um anderswo zu feiern. Es war stockdunkel. Doch als ich den frisch gemähten Rasen unter meinen Füßen spürte, bemerkte ich ein schwaches Licht. Es kam von meiner Küche. Das Licht hielt mich wie eine Motte gefangen. Mit jedem Schritt, den ich mich näherte, wurde mir das unheimliche Gefühl schwerer im Magen. Und dann hörte ich es: seltsame, feuchte Schmatzgeräusche, die durch die kalte Nachtluft schnitten. Mein Herz pochte in meiner Brust, als ich mich vorsichtig zum Fenster hinab-duckte und in die Küche blickte. Und da kniete er. Der Mann mit dem Hut. Wie ein wildes Tier, das über einen Kadaver herfällt, schlang er die Reste, Abfälle und Vorräte aus meiner Küche hinunter. Ich wollte schreien, aber kein Laut kam über meine Lippen. Ich konnte nur stumm zusehen, wie der Mann sich plötzlich zu mir umdrehte und mich direkt anstarrte. Doch sein Gesicht… Sein Gesicht war unmöglich zu beschreiben. Es war, als würde ich in ein endloses Nichts blicken, eine Leere, die weder Form noch Substanz hatte. Es war wie der Ozean, der sich im schwarzen Nachthimmel spiegelt, unendlich und doch unfassbar. Das Gesicht des Mannes war nichts, was ich je in Worte fassen könnte. Es war jenseits jeder Vorstellungskraft, jenseits aller Logik. Kein Mensch hätte es malen, keine Zunge es beschreiben können. Das Letzte, woran ich mich erinnere, ist, dass ich in Ohnmacht fiel.

Am nächsten Morgen schien alles unberührt. Meine Wohnung, die Haustür – alles war, als wäre nichts geschehen. Kein Anzeichen von Einbruch, kein Chaos in der Küche. Nur diese bleibende Angst, die seitdem nicht mehr von mir ging.



© Jannik Becker 2024-09-09

Genres
Spannung & Horror
Stimmung
Dunkel, Mysteriös