Der Pianist

von Klaus Rafenstein

„Antizyklisch zu reisen macht keinen Sinn. Es wird schon seinen Grund haben, warum sämtliche Touristen den Hauptreisezeitraum einer Region vorgeben“, meint mein schlauer Freund Markus als wir in der Hochsaison im kroatischen Fischlokal auf einen freien Sitzplatz warten. Oft hat er recht, heute nicht.

An diese Gedankengänge erinnere ich mich, als Christoph und ich am 30. Dezember unsere Wette einlösen. Letztes Jahr zu Silvester hatten wir uns versprochen, in alter Tradition mindestens eine gemeinsame Reise im Neuen Jahr zu unternehmen. Ans Meer. Wenn mans bis zum 29. Dezember nicht geschafft hat, dann halt auf den letzten Drücker. Versprochen ist versprochen. Rein ins Auto und ab in die Provinz. 2 Märchenprinzen küssen Rovinj wach.

Nacht. Kein Mensch weit und breit, unsere Stimmen hallen in den nebligen Kopfsteinpflaster-Gassen der antiken Stadt. Die Kälte reitet mit den Nebeltropfen in jede Ritze und Ecke der alten Gemäuer. Angelaufene Fenster. Pölsterbarrikaden vor den Fenstern sollen die Temperaturunterschiede zwischen innen und außen beibehalten. Die schwarze Katze, die mit der Konservendose spielt, ist das einzige Anzeichen von Leben in den verlassenen Gassen, und das recht lautstark.

Endlich: Angelo d’Oro! DAS Romantikhotel an der oberen Adria. Im Sommer kaum leistbar. Ende Dezember schon.

Ein oft beobachtetes Weihnachtsphänomen: Die Tür zum Wohnzimmer geht auf – der Christbaum erstrahlt – Glitzern in Kinderaugen – ehrfürchtiges Staunen, bevor der Sturm auf die Geschenke einsetzt.

Ganz ähnlich, als wir die Tür zum Romantikhotel aufmachen. Die Tür zur gemütlich-rustikalen Loungelobby öffnet sich – das Klavier erstrahlt – Glitzern in Christoph’s Augen – ehrfürchtiges Staunen, nicht allzu lang, unmittelbar gefolgt vom Sturm auf das Klavier. Der Check-In bleibt mir überlassen. Die wenigen älteren Gäste in der Lobby fühlen sich wohl, Christoph verwöhnt sie akustisch. Den mitgebrachten Mammut-Rotwein schenken wir großzügig an die unfreiwilligen Konzertbesucher aus. Nicht nur deshalb verzeihen sie das eine oder andere musikalische Hoppala des Pianisten.

5h Fahrt rufen nach Beine vertreten. Christoph ist vom Piano und seinen neuen Fans nicht loszueisen, so spaziere ich bei Eiseskälte alleine durch diese bezaubernde Stadt bei Nacht. Üppig bestückte Wäscheleinen hängen über meinem Kopf. Die gesamte Szenerie ist durch die matte Straßenlaterne in ein weichzeichnendes Sepia-Licht getaucht. Das Bild prägt sich tief in meine Gedächtnisrillen ein, Rovinj mal anders. Ganz anders.

Als ich mich wieder dem Goldenen Engel nähere, höre ich schon von weitem zuerst das vertraute Klavierspiel, gleich gefolgt von frenetischem Applaus. Er hat es wieder einmal geschafft, dieser Understatement-Sympathie-Magnet. Sie lieben ihn, so wie es alle tun, wenn sie ihn erst richtig kennengelernt haben. Viel mehr: wenn er zugelassen hat, dass sie ihn kennenlernen. Schön, dich als Freund zu haben, Christoph!

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