von DannyDelicious
Die sengende Hitze bricht und biegt das viel zu helle Sonnenlicht. Kein einziger Windstoß will sich in der meilenweiten Wüste regen. Jim hängt in seinem Holzstuhl, den breiten Hut tief ins Gesicht gezogen. Er schmatzt lustlos auf seinem Kautabak. In der Ferne erscheint ein wabernder Umriss, der immer näherzukommen scheint. Müde blickt Jim auf. Allmählich wird der schwarz-weiße Fleck am Horizont immer und immer größer. Nach einer quälenden Langeweile erstrahlen gebleichte Knochen in der ewigen Einöde, auf denen eine schwarz umhüllte Gestalt reitet. Unentbehrlich kommt der Reiter immer näher, unbeeindruckt von den quälenden Temperaturen. Nur ein paar Meter vor der Veranda zieht der Reiter sein untotes Pferd zurück. Seine eisernen Hufe funkeln in der Luft. Jim kneift die Augen zusammen. Jim röchelt kurz auf, versucht irgendwo noch ein bisschen Speichel zu finden, und spricht:
„Und wer sollst du sein?“
„Dein Henker“, antwortet der Reiter. Unbeeindruckt richtet Jim seinen Hut, um nicht direkt in die Sonne starren zu müssen. Der Anblick solch weißer Knochen schmerzt in seinen Augen. Er zieht die Krempe wieder herunter und blickt auf den Boden.
„Kann ich noch eine zweite Chance haben?“, fragt er.
„Nein“, antwortet der Henker.
„Was ist denn überhaupt das Urteil?“
„Du weißt es selbst. Du hast gelogen, betrogen, gestohlen. Den Hilflosen Gewalt angetan, um dich selbst zu bereichern. Keine Ehrfurcht für die Welt um dich herum gezeigt. Du bist ein Schmarotzer, ein Trunkbold. Und meine ganz persönliche Meinung: Du bist ein Arschloch“
„Du kennst meine Geschichte nicht, du weißt nicht, was mich dazu getrieben hat. Und vielleicht kann ich mich ja noch bessern“
Der Henker zieht langsam einen Revolver aus seinem Halter. Sein Schlapphut rutscht nach hinten und lässt einen blanken Schädel unter dem Schatten hervorblitzen. Jim lacht. „Achso“, sagt er, „das hier ist irgendein Test, damit ich mich bessere, verstehe schon“. „Keinswegs“, antwortet der Henker, „das hier ist dein Ende, und ich wäre auch schon viel lieber gekommen. Aber leider entscheide ich nicht, wer bleibt und wer geht. Aber du scheinst das gerne für andere Menschen entscheiden zu wollen. Deine Gier rafft andere dahin. Das ist dein Erbe an diese Welt. Und es ist traurig, dass sich viele ein Beispiel an dir nehmen werden. Du bist eine Seuche, die nur der Tod heilen kann“
„Dann kann ich ja von Glück sprechen, dass ich so unbeschwert davon scheide“
Der Henker legt seinen kalten Finger an den Abzug. Die Hitze zieht den Moment unerträglich in die Länge. Jim seufzt, greift in Blitzeseile zur Seite, und schießt mit der geladenen Flinte auf das Gespenst. Doch der Reiter hält unbeirrt seine Waffe auf den Mann. „Zum Glück scheidet deinesgleichen aber irgendwann doch dahin. Vielleicht verstehen die von dir Gegeißelten, dass auch du nur Fleisch und Leid bist. Aber selbst im Angesicht deines Todes hast du keine Bescheidenheit. Ich sagte doch: Du bist ein Arschloch“
Der Revolver knallt auf. Tiefrotes Blut sprenkelt des gebeizte Holz hinter dem Stuhl. Der Henker steckt seine Waffe ein, führt das Pferd wieder in Richtung der Einöde und reitet in Richtung Sonne.
© DannyDelicious 2025-01-02