von Julia Neufeld
Mein Blick bleibt geradeaus gerichtet, die Augen entspannt, starre ich ins Leere. Die Landschaft vor meinem Fenster wird zu bunten Flecken.
Dann taucht da eine Person auf. Mit ihren rot gefärbten Haaren schreitet sie auf mich zu. Ein ansteckendes Lächeln begegnet mir. Ansonsten – Stille. Drei andere Figuren gesellen sich auch zu uns. Ein Mädchen mit blauen Strähnen in ihren schwarzen Haaren nimmt mich bei der Hand und zieht mich mit. Wir gehen auf ein Haus zu. Mit jedem Schritt wird es deutlicher. „Café Quercus“ steht in großen Buchstaben auf einer schief hängenden Tafel. Ich erkenne unser Lieblingscafé aus Eichenwald. Das Gebäude ist schon älter, aber hübsch. Die Stufen zur Terrasse sind rau und geben festen Halt. Matteo, der einzige Junge unserer kleinen Gruppe, hält uns die Tür auf. Dem Raum fehlt es auf keinen Fall an Farbe. Wir setzen uns und bestellen Getränke.
„Also, wir haben lange darüber diskutiert“, sagt Hanna, das Mädchen mit den blauen Strähnen. „Wir möchten, dass unsere Geschichte erzählt wird. In Form eines Fantasy-Romans.“ Stella nickt zustimmend, dabei fällt ihr eine blonde Strähne aus ihrer Flechtfrisur. „Ja, da waren wir uns einig.“ Das Mädchen mit dem roten Haarschopf sieht mich fragend an. Ich nicke Greta aufmunternd zu. „Es gibt nur einen Haken. Also … ähm, du wirst das Buch auch schreiben müssen.“ Ich zucke mit den Schultern. „Das kriege ich hin.“ Unsere Getränke werden vor uns abgestellt. Stille legt sich über alle, aber nicht die unangenehme Art. Es ist ein entspannter Moment, wie man ihn sich gerne im Alltag wünscht.
Greta ist die Erste, die aufsteht – was witzig ist, weil sie die Kleinste ist. Zusammen gehen wir raus. „Ich dachte, wir könnten dir noch Eichenwald zeigen, schließlich bist du eine der Mitgründer.“ Bei diesen Worten muss ich lachen, ein schönes Gefühl. So unbeschwert bin ich bei wenigen Menschen. Und so schlendert eine Gruppe von fünf Jugendlichen durch die Stadt. Vor meinem inneren Auge sehe ich sie lachend an verschiedenen Orten.
Langsam, wie ein Nebel, der sich lichtet, fokussieren sich meine Augen wieder. Ich sehe wieder die Landschaft, das Fenster. Die Realität holt mich schneller ein als gewollt. Es fühlt sich schwer im Herzen an, das wieder herzugeben, was ich vorhin gespürt habe. Zu Ehren meiner Charaktere klappe ich meinen Laptop auf und schreibe an meinem Roman weiter. In Gedanken rufe ich: „Macht euch bereit! Das Erbe der verlorenen Elemente kommt!“
© Julia Neufeld 2026-02-11