von Klaus Rafenstein
Brütende Hitze in Split. Die morgige Firmung naht in großen Schritten, Wien leider noch nicht. Verspätung, ich bleibe Split noch eine Zeit erhalten. Auf Flughäfen wirst du akribisch genau im 5-Minuten-Takt über aktualisierte Flugzeiten informiert, beim Spliter Flixbus-Bahnhof bist du froh, wenn du ihn gefunden hast, in der Hoffnung, du bist richtig. Keine Anzeigetafeln, keine informierenden Apps. Der Busverspätung bleibst du schonungslos dir selbst überlassen. Gemeinsam mit streunenden Katzen, einarmigen Banditen in der angrenzenden Spielhölle und der duftenden öffentlichen Toilette. Irgendwann in der Dämmerung kommt er, der grüne Bus. Ich schaue auf mein Ticket. Platz 1D. Klingt königlich. Wir haben sogar zwei Fahrer: Senior und Junior. Senior beginnt die zwölf Stunden Fahrt nach Wien. Ich habe mir Unterlagen zum Durcharbeiten mitgenommen. Sobald es dunkel ist, knipse ich das Leselicht an. Es geht auf sonderbare Weise sofort wieder aus. Ich probiere es erneut. Senior vertont das Ausschalten kroatisch-grantig. Ich deute es auf: „Es spiegelt und blendet mich.“
Vorbereitung ist alles. Die Stirnlampe ist rasch gezückt. Das grantige Kroatisch wird lauter. Stirnlampe weg, Handy her. Akku fast leer. Ich frage den Fahrer, ob ich das Handy irgendwo laden kann? „Not for light!“, ist die Antwort. Obendrein werde ich ermahnt, mich anzuschnallen. In der ersten Reihe besteht Gurtpflicht. Nur in der ersten. Klick!
Inzwischen dürfte sich jemand die Schuhe ausgezogen haben. Es stinkt bestialisch. Der Gurt hält mich sicher an meinen Sitzplatz gedrückt. Ich komm’ nicht aus. Nicht nur dem Geruch, auch den Beobachtungen. In Zagreb steigen Passagiere zu. Während Senior die neuen Fahrgäste eincheckt und deren Gepäck verlädt, setzt sich Junior auf den Fahrersitz und tut es mir gleich, er schnallt sich an. Fahrerwechsel. Er liest ein Buch. Darauf steht „Bus Instructions“. Er probiert Knöpfe aus und lernt offensichtlich die Technik des Reisebusses kennen. Beim Ausfahren aus dem Busbahnhof lernt er auch die Busdimensionen samt Radius kennen. Der Randstein unter dem Reifen der zu eng genommenen Kurve weckt die letzten noch schlafenden Mitreisenden auf.
Lichtverbot, mit voller Lektüre und leerem Akku dem Gestank angeschnallt trotzen und dabei erste Reihe fußfrei (nicht ganz!) eine zwölfstündige Fahrschüler-Einweisung schonungslos miterleben zu müssen – manchmal prüft das Leben dich hart! Ich schaue aus dem Seitenfenster, das ist entspannender als der Blick durch die Windschutzscheibe. Am schwarzen Zagreber Nachthimmel blinkt ein über uns fliegendes Flugzeug Richtung Norden. Selten aber doch hab ich sie: Flugzeug-Sehnsucht. Alles lieber als königliches Reisen auf 1D. Es wird nicht besser: an der kroatischen Grenze dürfen wir um ein Uhr nachts wie Sträflinge schlaftrunken aussteigen, zu Fuß die Grenze überschreiten, Pass herzeigen und wenn der Bus untersucht wurde und nachkommt – wieder einsteigen. Und ich dachte, wir leben in einem Europa der freien Grenzen. Elftes Gebot: Teisch di net!
Um vier Uhr morgens dasselbe Prozedere an der slowenischen Grenze. In solchen Momenten versuche ich stets das Gute in der Erfahrung zu sehen, und so kommt mir der Gedanke: Is a Hetz und kost net vü!